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The-Cramps_Songs-The-Lord-Taught-Us
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The Cramps – Songs The Lord Taught Us

2. September 2026
von Anthea Ziermann

Content Warning: Gore

Was haben Werwölfe, Zombies und Müllmänner gemeinsam? Jedem von ihnen wurde auf Songs the Lord Taught Us aus dem Jahr 1980 von der Band The Cramps ein Song gewidmet.

Die Band wurde berühmterweise von Gitarristin Poison Ivy Rorschach und Frontmann Lux Interior gegründet, nachdem die beiden sich kennenlernten, als sie bei ihm per Anhalter mitfuhr. Sie tauschten sich über ihre Leidenschaft zur Musik aus, verliebten sich und beschlossen, eine Band zu gründen. Nach einer mehrjährigen Phase, in der die restliche Besetzung gesammelt, zurechtgetauscht und optimiert wurde, schlugen The Cramps 1980 schließlich mit Songs the Lord Taught Us in den Plattenmarkt ein. Seitdem hat die Gruppe zahlreiche Künstler*innen inspiriert und die meisten Bands, die sich dem Psychobilly zugehörig fühlen, führen ihre Ahnenlinie auf die Cramps zurück. Dabei hätten sie nie beabsichtigt, ein Genre namens Psychobilly zu gründen, erklärte Ivy Rorschach in einem Interview. Der Begriff sei nur einer der vielen Versuche gewesen, ihre eigenwillige Musik zu beschreiben. An anderen Stellen hatten sie zuvor die Ausdrücke ‘rockabilly voodoo’ und ‘gothabilly’ verwendet. Fest steht, dass der Bandsound eindeutig dem Rock & Roll verpflichtet bleibt, der allerdings gründlich durch den Dreck gezogen und mit Blut beschmiert wird, bevor er in der Vinylpresse landet.

TV Set, der Opener von Songs the Lord Taught Us, beginnt mit rhythmischen Toms und dreckigen Riffs und legt textlich schnell den schrägen Ton des Albums fest: “Yeah baby I see you on my TV set/I cut your head off and put it in my TV set”, teilt Lux uns mit und macht damit klar: Das hier ist entweder nicht ernst zu nehmen oder nichts für schwache Nerven. Möglicherweise beides.
Der erste Schock wird mithilfe von Rock on the Moon überwunden, einer schnellen Nummer, die den mittlerweile für Psychobilly typischen Surfrock-Unterton mit textlich eher sparsamen Variationen der Zeilen “I’m gonna rock on the moon/Rock rock rock!” kombiniert.
Der nächste Titel beginnt mit den einprägsamen Worten “You ain’t no punk, you punk/You wanna talk about the real junk?” und handelt genau davon: Garbageman wird eingeleitet vom Starten eines Motors und zieht die Müllmann-Metaphorik gnadenlos durch. Oder ist es vielleicht gar keine Metapher? “Stick out your can/’Cause I’m your garbageman” beschreibt im Vergleich zur Absurdität der anderen Songtexte ein absolut mundänes Ereignis. Das Besondere hier ist vermutlich eher, dass jemand darüber einen Song geschrieben hat – und natürlich, dass uns der Titel noch einmal an den Dreck erinnert, den die Band absichtlich vor der Aufnahme in den Verstärker gefüllt hat.

Spätestens mit den trägen Toms des bekannten Titels I Was A Teenage Werewolf sollte man sich jedoch vom Tiefsinn verabschieden. Wie die Band selbst betont, liegt hinter den Songs keine verschlüsselte Botschaft – aber gerade dadurch macht das erste Cramps-Album so viel Spaß. Während sich einige Titel auf dem Folgealbum Psychedelic Jungle mit dem heutigen Ohr nur schwer als unpolitisch hören lassen, siegt auf Songs the Lord Taught Us noch die Absurdität über den Ekel, den man später mit rassistischen Allegorien über ‘Jungelmenschen’ zu erzeugen versucht.

Sunglasses After Dark liefert genau, was auf seiner Verpackung steht: Der Song ist ein mittelschneller Stampfer, der ironisch davon handelt, dass Sonnenbrillen einen auch im Dunkeln cool machen – und der einfach Laune macht. Ähnlich verhält es sich mit The Mad Daddy, der allerdings statt von einer schrebbeligen Gitarre von den Drums eröffnet wird.

Bei der LP-Version des Albums beginnt an dieser Stelle die B-Seite mit dem Song Mystery Plane. Die Zeilen “I just can’t identify/With this world so I don’t try” würden unter normalen Umständen einen mehr oder weniger abgedroschenen Fatalismus aufrufen. Nicht hier, denn der Song handelt davon, dass der Vater des lyrischen Ichs wortwörtlich ein Alien ist. Metaphorisch lesen mag das, wer möchte – der Song macht sich nicht die Mühe, einen tieferen Sinn anzubieten und besingt stattdessen das UFO des Vaters wie einen teuren Sportwagen, den der Sohn dringend fahren möchte. Möglicherweise sind Aliens und Menschen also doch nicht so verschieden.

Weiter geht es mit Zombies, die in Zombie Dance zu einem schnellen Tom-Beat mit recht simpler Gitarre tanzen. Der Song ist keine zwei Minuten lang, steuert aber mit seinem Titel und seiner Energie eine weitere Dimension des Kitsch-Horror bei, der auf keiner Cramps-Platte fehlen darf. What’s Behind the Mask bringt in Punkto Text etwas mehr Gewicht auf die Waage, ruft aber mit dem mysteriösen, maskierten Gegenüber wiederum ein weiteres Horror-Klischee auf.

Strychnine, bei dem es sich um ein Cover des Songs von The Sonics handelt, nimmt den Garagenrock-Charme des Vorbilds und macht aus ihm einen langsameren, stampfbaren Dröner, der die kreischende Gitarre in den Vordergrund rückt. Textlich scheint der Titel bei den Cramps sogar besser aufgehoben: Die Verse “Some folks like water/Some folks like wine/But I like the taste/Of straight strychnine” scheinen wie gemacht für deren auf mehreren Ebenen übersteuerten Rock & Roll.

Danach ist es wieder Zeit für ein wenig lyrische Unterforderung. Ähnlich wie Rock on the Moon, aber noch extremer, besteht die Nummer I’m Cramped textlich nur aus Wiederholungen ihres Titels. Verzeihlich wird das dadurch, dass der Song Spaß macht und es an diesem Punkt mit dem Bandnamen im Hinterkopf vielleicht auch einfach nicht mehr zu sagen gibt.
Tear it Up ist eine Ode an den Rock & Roll und dessen König. Rollende Riffs liegen über einem klassischen Backbeat, und Lux Interior gibt sein Bestes, mit der Stimme in die für Elvis typische Tonlage abzutauchen. Mit Erfolg – das musikalische Erbe des Titels ist nicht zu überhören.

Der letzte Song des Albums, Fever, ist ein uncharakteristisch langsames, träges Unterfangen – was nicht bedeutet, dass die Energie fehlt. Der Schalk im Nacken ist vielleicht eingenickt, aber nicht abgesprungen, und selbstreferenziell heißt es: “The Cramps are born to give you fever/Be it Fahrenheit or Centigrade/We give you fever”. Als Closer ist die Wirkung des Songs einmalig: “Erstmal sacken lassen, aber ihr hört wieder von uns.”

Klar sind also die Haltung, mit der die Band ihren eigenen Amtsantritt besingt und die Mission, die sie sich selbst gibt. Trotzdem ihre stärksten Hits bereits auf diesem und dem nächsten Album zu finden sind und sie die nächsten Jahrzehnte vergeblich versuchen werden, ihre eigene Initialzündung zu übertreffen, haben die Cramps ein ungewöhnlich diverses Spektrum an Künstler*innen und Bands inspiriert und gelten entgegen ihrer eigenen Programmatik bis heute als Begründer des Psychobilly.

 

Bild: The Cramps/I.R.S. Records/Illegal Records