Musik | Hörtest

Hörtests des Jahres – Woche 2

3. Dezember 2018
von Musikredaktion

Mac Miller – Swimming
Als ich Mac Millers neues Album zum ersten Mal hörte, war ich mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Ich war nach dem ersten Hören ein wenig verwirrt, aber auf eine positive Art und Weise. Der Rapper knüpft soundmäßig an das Vorgängeralbum The Divine Feminine an und kombiniert auf Swimming Einflüsse aus Soul, Jazz und R’n’B. Dadurch baut sich auf der LP eine sehr verdichtete Atmosphäre auf, die ich bei seinen vorherigen Werken nie so stark vernommen habe. Gepaart mit der kritischen Auseinandersetzung mit dem zuvor durchlebtem Beziehungsende, psychischen Problemen und dem Heilungsprozess, bekam das Album eine Tiefe, die mich, wie kein anderes Album zuvor, mitnahm. Dabei durchbricht Mac Miller die auf Swimming vorherrschende Melancholie mit einer groovigen Art und Weise, sodass man nicht in einer vollkommenen Utopie versinkt. Das Zusammenspiel all dieser Aspekte lässt Swimming zu einem zeitlosen Klassiker werden, der seines Gleichen sucht.

Florian Plath

 

Haiyti – Montenegro Zero
„Ich war noch nie im Berghain.“ Das singt nicht nur Haiyti auf ihrem ersten richtigen Album Montenegro Zero, so geht es auch mir, aufgewachsen in einem kleinen Dorf. Großstädte wie Berlin oder Hamburg waren bis zu meinen ersten Städtetrips so weit weg, dass ich mir nichts darunter vorstellen konnte. In Filmen wirkte das Leben dort vor allem immer: extrem. Und genau so stellt uns Haiyti auf Montenegro Zero ihr Leben vor. Dabei wirkt alles an diesem Album als sei es zu „viel“. Haiyti mixt verschiedenste Stile, verzerrt ihre Stimme stets mit Autotune und besingt in ihren Texten den Exzess. Sie rappt über Alkohol und Drogen, nicht endende Partys und das große Geld. Dabei wirkt sie unaufhaltbar, fast schon größenwahnsinnig, bevor sie dann in Tracks wie Gold auch mal ihren weichen Kern zeigt und die HörerInnen ganz nah an sich heran lässt. Montenegro Zero kam zwar schon im Januar raus, aber im Laufe des Jahres habe ich das Album, meist mitgröhlend im Auto, immer wieder gehört und bisher ist auch kein Ende in Sicht.

Jessica Krzonkalla

 

Pagan – Black Wash
Wer Musik nur mithilfe von Genreschubladen konsumieren kann ist bei Pagan auf dem falschen Dampfer. Der Bandname verweist auf Wikingermetal, die Bezeichnung der Shows als „Rituals“ und das Bandlogo, eine Mischung aus umgedrehtem Kreuz und Kerze, auf Black Metal, doch mit dieser Musik haben die Australier nichts, bis kaum etwas am Hut. Vielmehr verbinden sie auf Black Wash Sludge, Stoner, Post-Harcore und eigentlich so gut wie jede Spielart des Rock. Am treffendsten lässt sich die Musik als eine Mischung der Gitarrenarbeit von Kvelertak und den Vocals und der Aufgekratztheit der Marmozets beschreiben. Dabei schaffen es Pagan die perfekte Balance zwischen Heavyness und Eingängigkeit zu finden. Von vorne bis hinten groovt und drückt Black Wash ohne einen einzigen auch nur mittelmäßigen Song und sorgt auch nach dem x-ten Durchgang dafür, dass sich der Kopf ganz automatisch bewegt.

Max Afemann

 

Parcels – Parcels
Am Frühstückstisch öffnen Freunde verstohlen ihr Shazam oder fangen gleich an, mit dem Kopf zu wippen: Das passiert, wenn man Parcels catchy Funk-Songs als musikalische Untermalung auswählt. Nach der Kollaboration mit Daft Punk erwartete die Musikwelt sehnsüchtig neuen Input. Der unschuldige 70er-Sound der fünf Wahlberliner zieht schließlich sofort in seinen Bann – und das jetzt endlich auch auf Albumlänge.

Louisa Heerde

 

BRETT – WutKitsch
Dass ich Anfang 2018 auf BRETT stieß, war wahrscheinlich mein Glückstreffer des Jahres. Mit ihrem Debütalbum WutKitsch trafen die Hamburger dann auch direkt in mein von der Winterdepression nachschwingendes Gitarrenherz. Fetter Bluesrock trifft auf deutsche Texte voller Kraft, lächelnden Spott und vor allem: jeder Menge Wut. Niemals hätte ich gedacht, dass sich (eben doch kitschige) Themen wie Liebe, Verlust und Sehnsucht so brutal gut auf hart verzerrten E-Gitarren anhören können. Vor allem, wenn Sänger Max sie mit anklagend-wütender Stimme auf die Ohren schreit. Ganz anders, unkonventionell und definitiv zu sperrig, um in handelsübliche Schubladen zu passen dröhnt WutKitsch seitdem fast täglich durch die Membranen meiner Kopfhörer und ist deshalb mein Hörtest des Jahres 2018.

Yannik Hoffmeyer