Musik | Hörtest

Hörtests des Jahres 2017 – Woche 2

3. Dezember 2017
von Musikredaktion

IDLES – Brutalism

In Zeiten wie diesen ist die Musik der britischen Band IDLES das ideale Mittel zur Frustbewältigung. Ihr Post-Punk geht zwar verdammt geradeaus, legt sich aber nicht auf eine einzelne Stimmungslage fest: Brutalism schreibt Katharsis nämlich noch groß und verleitet, neben dem obligatorischen Ausrasten beim Live-Konzert, auch zum Lachen, Nachdenken und Verzweifeln ob dieser Welt und ihrer Alltagsphänomene. Sänger Joe Talbot gibt sich in seinen Texten dem Zynismus und der Selbstironie hin und garniert das alles mit einer herrlichen Prise Absurdität. Unter diesem lyrischen Wahnwitz versteckt sich allerdings eine Sozialkritik, die weitaus mehr Schlagkraft hat, als jeder mit Ernsthaftigkeit vorgetragene Text. Brutalism macht in fast jeder Lebenslage Spaß, sei es live beim Konzert, oder beim Mitgröhlen unter der Morgendusche.

Pierre Rosinsky

 

Yung Hurn – Love Hotel

„Ich hab alles, was du willst: Stoli und das Weed. Baby, kommst du mit?“ Eine rein rhetorische Frage. In Yung Hurns Love Hotel kann uns die Beschissenheit der Welt nichts anhaben, denn hier regiert die Liebe. Und Sex natürlich. Beides ist der thematische Bogen für Yung Hurns Cloud-Rap-Update anno 2017, bei dem sich manche Fragen dürften, wie sehr man dabei jetzt ironisch mit dem Auge zwinkern muss, um es nicht als guilty pleasure abstempeln zu müssen. Von seinem Queen-Size-Bett mit rosa Plüschkissen aus singt und rappt Yung Hurn über Verlassen-Werden (Vorbei, Ja ich weiß) und große und kleine Fehler (Sag Mir), macht großspurige Liebeserklärungen (Diamant, Pretty Babé, Gefühle an dich in einer Altbauwohnung) und versucht, die Eltern nicht durch Stöhnen zu wecken (Blumé). Das alles wird verpackt in glitschigen Cloudrap mit an die Schmerzgrenze autotuneten Vocals und überzuckerten Melodien. Ein Album wie eine Pfütze Massageöl.

Benedict Weskott

 

Lorde – Melodrama

Ein Stück „mit rührenden oder rührseligen und dramatischen Effekten (in pathetischer Inszenierung)“ – So definiert der Duden ein Melodrama. Und das trifft den Nagel nicht mal ansatzweise auf den Kopf. Lordes Melodrama ist noch so viel mehr als das. Man kann nicht von Effekten oder einer Inszenierung sprechen. Melodrama ist ein Album, das nur so vor Authentizität strotzt. Zu keinem Zeitpunkt entsteht der Eindruck eines Kompromisses; niemals wirken die Textzeilen banal und jedes musikalische Element wurde mit höchster Sorgfalt ausgewählt.  Melodrama fließt als grandioses Gesamtwerk von Anfang bis Ende, voll mit Herzschmerz in dem man sich ganz rührselig und dramatisch suhlen kann. Aber auch diesen Herzschmerz verpackt Lorde mit intelligentem Charme und dem ein oder anderen Lichtblick.

Samira Hrach

 

The Smith Street Band – More Scared of You than You Are of Me

Schon der Titel fasst die Ausrichtung von More Scared of You than You Are of Me zusammen. Wer jetzt ängstlich-melancholische Musik erwartet, wird aber überrascht. The Smith Street Band paaren Themen wie Selbstzweifel und Ängste nämlich mit kraftvollen Rocksongs und hoffnungsvollen Melodien. Wil Wagner singt, flüstert, oder schreit sich dazu so die Seele aus dem Leib, dass er die Hörer*Innen direkt in die intimen Songs hineinzieht. More Scared of You than You Are of Me passt dadurch gleichzeitig zur Seelenpflege nach einem furchtbaren Tag und zur Party mit den Freunden. Letzteres vielleicht sogar besser, da es wahnsinnigen Spaß macht, die eigenen Ängste zu den wunderbaren Songs herauszubrüllen.

Max Afemann

 

Noga Erez – Off The Radar

Man hat das Gefühl, Noga Erez musste einfach ein Album aufnehmen, damit sie mal alles raushauen kann, was sie wütend macht. Ob öffentliche Aufgeilung an Vergewaltigungen (Pity), Vetternwirtschaft (Toy) oder die Verlogenheit der Regierenden (Dance While You Shoot) –  das Album Off The Radar strahlt eine gewisse Grundaggressivität aus, die aber nie aufgesetzt wirkt. Das liegt nicht nur an Nogas rauchiger Stimme und den in ihren Songtexten verpackten Kampfansagen: Auch Produzent Ouri Rousso trägt einen ordentlichen Teil dazu bei, dass man zu dem Album gerne zivilen Ungehorsam leisten, oder zumindest ein paar Mülltonnen umkicken würde. In Stücken wie Dance While You Shoot treibt der komplexe Beat voran; mit militärisch wirkenden Trap-Elementen, Text-Loops und harten Elektro-Melodien wird das Bild komplett. Zwischen Pop, Elektro, Hip-Hop und R’n’B bewegen sich Roussos Abmischungen fließend. Das Jahr 2017 hat ein Album wie Off The Radar gebraucht: Wütend, politisch und unumgänglich.

Louisa Heerde