Musik | Hörtest

boygenius - boygenius
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boygenius – boygenius

19. November 2018
von Jessica Krzonkalla

Bei dem Begriff Supergroup schwingt nicht selten ein gewisses Stück Bombast mit. Große KünstlerInnen tun sich zu einer noch größeren Band zusammen in dem Versuch, ihre bisherigen Karrierehöhepunkte zu übertrumpfen. Doch oft wirkt das Ergebnis erzwungen, manchmal gar peinlich. Umso erfreulicher ist es, wenn es MusikerInnen gelingt diesen sehr konstruiert wirkenden musikalischen Superlativ hinter sich zu lassen, wie die US-amerikanische Band boygenius. 

boygenius sind die von KritikerInnen hochgelobten Indie-Rock Künstlerinnen Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus. Was ihre erste EP boygenius nun besonders macht, ist vor allem die Tatsache, dass es nicht darum geht, ihre bisherigen Solo-Erfolge in den Schatten zu stellen. Stattdessen ergänzen sich die drei Musikerinnen in ihren Stärken, sodass das Projekt boygenius laut Bridgers eher einer Therapiegruppe glich. Dabei ist der Bandname boygenius eine Anspielung auf die vorherrschende Höherstellung des Männlichen innerhalb der Musikbranche.

Musikalisch spielen Baker, Bridgers und Dacus sowohl mit ihren Gemeinsamkeiten, als auch den Unterschieden. Wer im ersten Moment pauschalisiert einfach nur „weiblichen Indie-Rock“ erwartet, wird von den unterschiedlichen Nuancierungen der EP überrascht sein. In manchen Songs, wie dem Opener Bite The Hand dominiert die tiefe Stimme von Dacus, die von nach Grunge-anmutenden Gitarren begleitet wird. Doch schon im nächsten Song Me And My Dog sind es die melancholischen Texte von Bridgers, die im Fokus stehen und die einem das Gefühl geben, all das Geschriebene selbst erlebt zu haben (I wanna hear one song without thinking of you / I wish I was on a spaceship / Just me and my dog and an impossible view). 

Trotz, oder gerade wegen der feinen Unterschiede harmonieren die Künstlerinnen außergewöhnlich gut, wenn sie gemeinsam den Refrain zu Me And My Dog anstimmen oder in dem letzten Song Ketchum, ID das einsame und rastlose Leben auf Tour besingen (I am never anywhere / Anywhere I go / When I’m home I’m never there / Long enough to know).

Andere Supergroups brauchen möglichst laute und kraftvolle Instrumente und eine Albumlaufzeit von über 40 Minuten, um zu begeistern und sich eine eigene, von den einzelnen KünstlerInnen unabhängige Identität aufzubauen. Das haben boygenius nicht nötig. In nur 6 Tracks und knapp über 20 Minuten kreieren Baker, Bridgers und Dacus mit ihren Stimmen und ihren Gitarren eine ganz besondere Atmosphäre, die nicht nur die HörerInnen in ihren Bann zieht, sondern zugleich die Freundschaft und weibliche Energie feiert.