Musik | Konzerte
Big Thief im Kölner E-Werk
Seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Masterpiece im Jahr 2016 ist Big Thief nicht mehr aus der Indie-Folk-Szene wegzudenken. Das Trio aus Brooklyn, angeführt von Leadsängerin Adrianne Lenker, kann fünf Alben später auf ein facettenreiches Repertoire an Songs, auf mehrere Grammy-Nominierungen und weltweit ausverkaufte Headliner-Tourneen zurückblicken. Trotz der großen Erfolge blieb die Musik von Big Thief auch bis zuletzt rau, verletzlich und überaus ehrlich – eine Qualität, die in großen Teilen auch auf die Songtexte Lenkers zurückzuführen ist. Entsprechend groß war die Freude hier bei CT, als die Band im Rahmen ihrer Summersault Slide 360 Tour Konzerte in Deutschland ankündigte, darunter auch im E-Werk in Köln.
Bei Konzerten von Big Thief kann man sich stark darauf verlassen, dass man sich eigentlich auf nichts verlassen kann. Während vollständig choreografierte Live-Auftritte auch bei Bands dieser Größenordnung allmählich zur Norm werden, spielte Big Thief in Köln ein Set voller Überraschungen, ausgiebigen Jam-Improvisationen und vieler neuer Songs. Häufig macht die Band dabei den Eindruck, selbst nicht zu wissen, wohin es musikalisch als Nächstes geht – ein Ansatz für Live-Konzerte, der irgendwie old-school und doch zugleich erfrischend aufregend ist.

Ein Highlight des Auftritts war sicherlich die spontane Darbietung einer B-Side aus der Zeit vor Big Thief, als Lenker und Gitarrist Buck Meek noch als Folk-Duo agierten. Beide hatten den Song seit 13 Jahren nicht mehr live gespielt und mussten sich entsprechend während der Performance immer wieder bezüglich Akkorden und Textpassagen austauschen – ein fürs Publikum herzerwärmender und ehrlicher Prozess, der den größten Applaus des Abends erntete. Generell gelang es der Band immer wieder, trotz der beachtlichen Größe des ausverkauften E-Werks, eine angenehme Wohnzimmer-Atmosphäre zu kreieren. Im Halbkreis stehend, spielt Big Thief viel mehr mit- und füreinander als für das Publikum. Man merkt den Musiker*Innen, zu denen auch Schlagzeuger James Krivchenia und Tour-Bassist Joshua Crumbly zählen, sichtlich die Freude an ihrem Handwerk an, die sich immer dann am stärksten zeigte, wenn die Band in ausgiebige Rock-Outros verfiel und Raum für laute Gitarrensoli erzeugte. Dazu paart sich die brüchige und äußerst treffsichere Stimme der Leadsängerin, die eine faszinierend nahe Präsenz erzeugt und dynamisch zwischen rauem Gesang und beinahe kindlichem Flüstern wechselt.
Neben den vielen Überraschungen spielte Big Thief natürlich auch einige ihrer bekanntesten Songs. So waren zu Beginn Vampire Empire und das exzellente Simulation Swarm zu hören, während die Band zum Ende des Konzerts auch die Singles Incomprehensible und Los Angeles ihres jüngst erschienenen Albums Double Infinity zum Besten gab. Einige ihrer größten Hits ließ die Band aber gezielt aus, vor allem Fans des Debütalbums dürften einige Lieder vermisst haben. Sängerin Adrianne Lenker begründete dies sogar in einem der wenigen Wortbeiträge des Sets mit dem Ziel, an jedem Konzert wachsen zu wollen und sich immer wieder neu zu erfinden. In Köln sorgte diese Philosophie für einen rundum gelungenen und überraschend intimen Konzertabend. Ein Konzert dieser Band kann ich somit jedem Musikfan nur wärmstens ans Herz legen.

Big Thief ist im Juni dieses Jahres noch in Hamburg und München zu sehen und spielt auch noch weitere Shows in Dänemark, Belgien und Luxemburg, falls es Hörer*Innen von uns dorthin verschlägt. Support-Act im E-Werk war der Solokünstler Dylan Meek, ein Virtuose über verschiedene Genres hinweg, der nur mit Piano und Gesang ein Set präsentierte, welches fluide zwischen Jazz, Gospel, Indie-Rock und Funk zu wechseln schien. Ein äußerst einzigartiger Opener, der das Publikum in eine gute Stimmung brachte.
Bilder: Fanny Schulten