Musik | Konzerte
Lie Ning im Modus Berlin
Lie Ning ist ein Künstler, der für mich etwas ganz Besonderes ausstrahlt. In seinen Songs verhandelt er seine Erfahrungen als queere Schwarze Person und aktuell vor allem die Frage nach Zugehörigkeit. Seine aktuelle EP bullfight erzählt unter anderem von seinem Umzug von Berlin nach London und dem inneren Zwiespalt, einem Land den Rücken kehren zu wollen und gleichzeitig einer Stadt emotional eng verbunden zu sein.
Das Erscheinen der EP feiert Lie Ning mit einer kleinen Release-Tour: London, Brüssel und Berlin. So tummele ich mich an einem Donnerstagabend mit einer bunt durchmischten Menschenmenge vor der Bühne des Modus Berlin, einer kleinen Konzertlocation in einem Hinterhof in Kreuzberg.
Den Auftakt des Abends macht der deutsche Künstler Fayim, der mich mit seiner Stimme schnell in seinen Bann zieht. Musikalisch bewegt er sich zwischen Soul und R’n’B. Seine Texte wirken wie Ausschnitte aus einem Tagebuch: er erzählt Geschichten von Begegnungen aus seinem Leben, aber auch vom Verlust geliebter Menschen.
„Ich habe letztens gemerkt, dass ich vergessen hab‘, wie du klingst
Dann deine Alben gehört und bis drei imitiert, wie du singst“
(Fayim – Du fehlst)
Damit füllt Fayim eine – leider – immer noch viel zu große Lücke in der deutschen Musiklandschaft, in der nach wie vor die Sichtbarkeit queerer Schwarzer Menschen, die auf Deutsch singen, fehlt.

Nachdem Fayim die Crowd auf jeden Fall schon gut eingestimmt hat, betritt Lie Ning die Bühne. Lie Ning deckt an diesem Abend die ganze Bandbreite seiner bisherigen Diskographie ab. Das Set startet mit Bullfight, dem titelgebenden Opener seiner EP. Die Bühne ist dabei in dunkelblaues Licht getaucht, passend zum düsteren Sound des Songs, in dem Lie Ning – untermalt von einem satten Bass – von der fast schon düsteren Verführung Berlins singt.
„I’m drawn to your darkness
Like a moth to the light
Is this a dance or bullfight?“
(Lie Ning – Bullfight)
Zwischen den Songs seiner aktuellen EP performt Lie Ning auch immer wieder ältere Songs. Mit dabei auch einer meiner Lieblingssongs von ihm: Home. Obwohl Home schon 2020 erschienen ist, schließt der Track sich thematisch doch sehr passend an Lie Nings aktuelle EP an. Wie der Titel schon vermuten lässt geht es auch hier um Zugehörigkeit, seinen Platz in der Welt zu finden und auch an vermeintlich hoffnungslosen Tagen den Mut nicht zu verlieren, dass die Menschen um einen herum da sind, um einen wieder aufzufangen.

Ein emotionaler Höhepunkt des Konzerts war aber definitiv i see you; ein Song, den Lie Ning für seine Community queerer Schwarzer Personen geschrieben hat. Ich habe richtig gemerkt, wie sich die Stimmung im Raum mit dem Song geändert und wie ergriffen nicht nur Lie Ning und seine Band auf der Bühne waren, sondern auch die Menschen um mich herum. Doch Lie Ning selbst sagt zwischen seinen Songs, der emotionalste Teil des Konzerts komme für ihn noch. Das ganze restliche Konzert frage ich mich: „Was kommt jetzt noch?“ Die Antwort gibt Lie Ning uns dann bei der Zugabe: ein bisher unveröffentlichter Song! Es ertönt sanftes Vogelgezwitscher vom Backing Track und die Bühnenbelichtung lässt Lie Ning wie durch Buntglas angestrahlt aussehen

Lie Ning ist ein fantastischer Live-Performer. Er schafft es mühelos, die Emotionen seiner Songs im Raum spürbar zu machen und so eine ganz besondere, persönliche Atmosphäre zu kreieren. Für mich gehört er damit definitiv zu den Künstler*innen, bei denen ich nach einem Konzertbesuch erstmal die gesamte Diskographie tagelang rauf- und runter hören muss, weil die Songs jetzt, nachdem ich sie live gehört habe, noch mehr hitten.
Bilder: Sophie Bösmann/CT das radio