Musik | Konzerte
Geese Getting Killed Tour im Palladium Köln
Wir schreiben den 18. März, es ist das erste Mal, dass ich auf einem Konzert im Kölner Palladium bin. Es ist auch das erste Mal, dass ich eine Akkreditierung für ein Konzert habe und das erste Mal, dass ich die New Yorker Rockband Geese live sehen darf. Geese machen seit 2016 Musik – die Bandmitglieder, die in meinem Alter sind, waren damals um die 14 Jahre alt. Der große Durchbruch kam für Geese aber erst, nachdem Frontsänger Cameron Winter sich mit seinem ersten Soloalbum Heavy Metal von Dezember 2024 großer Beliebtheit erfreuen durfte. Auch ich wurde kurz nach der Veröffentlichung seines ersten Soloprojekts auf Winter aufmerksam, als Zusammenschnitte von romantischen Gesten, Filmen und emotionalen Wiedersehen, unterlegt mit Winters Song Love Takes Miles, meine For You Page fluteten.
Auf gewisse Weise hat Winters Gesang mich sofort an Adrianne Lenker von Big Thief erinnert, die mit für Popmusik ungewöhnlich großen Intervallen und leidig klingenden Vibrati ebenfalls Erfolg mit einem unkonventionellen und eigenen Gesangsstil finden konnte. Bei Winter sind außerdem gezielt eingesetzte unsaubere Registerwechsel besonders auffällig. Solch ein merkwürdiger Klang lädt geradezu ein, kluge Kommentare über den vermeintlich prätentiosen Fankult um Geese abzugeben und so wurden Geese schnell zur Zielscheibe für Memes über Musiknerds und performative Males. Nur neun Monate nach Heavy Metal veröffentlichten Geese schließlich ihr Album Getting Killed, dessen Songs sie nun in us-amerikanischen Shows wie Saturday Night Live oder jüngst auf dem Coachella-Festival vor Millionenpublika aufführen.
Im Palladium durften wir uns zunächst über Westside Cowboy freuen, eine englische Indie-Folk/Rock-Band, die anfang dieses Jahres mit ihrer EP So Much Country ‚Till We Get There schon mein Interesse geweckt hat. Der Gesang von Vokalistin und Gitarristin Aoife Anson O’Connell erinnert auf Songs wie Strange Taxidermy ebenfalls stark an Adrianne Lenker und sollte damit auch für Big Thief Fans interessant sein. Auch zwei Herren, die im Publikum vor mir standen, waren von der Band angetan und suchten ihr Ticket nach dem Namen des Acts ab, bis dieser seinen Namen vor seinem letzten Song noch einmal rausposaunte. Zur Performance habe ich mir nur folgenden Kommentar notiert: grauenvolle Posture, großartige Bops.
Kurze Zeit später war dann der große Auftritt von Geese. Wie auch schon bei Westside Cowboy war die Stimmung großartig. Das Publikum hat mitgetanzt und mitgesungen, während Geese ihre ersten Songs performte. Leadsänger Cameron Winter unterbrach die Performance nur kurz, um eine Nachricht ans Publikum zu richten: „I’ve been drinking all day, trying to build the courage to play“. Die Liveperformances der Songs war noch deutlich verspielter und wilder als die Studioversionen und ich tat mich anfangs teilweise schwer, überhaupt zu erkennen, welcher Song gespielt wurde. Wegen der oft Jam-haften Aufnahmen der Songs auf Getting Killed ist das aber ohnehin nicht leicht. Immer wieder tauchten jedoch Melodien auf, deren Wiedererkennen mich sofort begeisterte, oder Songstellen wie „Baby let me wash your feet“ von dem Track Cobra, die das Publikum ausrasten ließen.

Getting Killed, als Album, das an vielen Stellen wütend und verzweifelt wirkt, hat zumindest einige erleichternde Momente. Diese kommen unter anderem in den frohlockenden Melodien von Cobra oder meinem Lieblingstrack Au Pays du Cocaine zum Vorschein. Ein weiterer solcher Lichtblicke tut sich in der zweiten Hälfte des Songs Taxes auf, nachdem Winter singt „If you want me to pay my taxes/ You’d better come over with a crucifix/ You’re gonna have to nail me down“, wonach ich und die vielen anderen womöglich nicht lohnarbeitenden Studierenden im Publikum in den ersten von vielen Moshpits des Abends sprangen.
Zum Abschluss des Abends wurde das Publikum mit einer der ersten Performances des unveröffentlichten Songs Apollo überrascht und nach der Zugabe von Trinidad dann schließlich mit klingelnden Ohren in die warme Nacht entlassen. Auf der Heimfahrt in Zügen, in denen noch viele Konzertgäste mitfuhren, konnte ich begeisterten Stimmen lauschen. Ein Fan bezeichnete Geese wegen ihres eklektischen und wilden Klangs als Jazz-Band, die Rockmusik macht und die erste Rockband seit Ewigkeiten, in die er sich verliebte. Auch für mich ist Geese die erste Rockband meiner Generation, die mich wirklich begeistert. Eines der ersten Rockalben, das mich bisher begeistert hat, ist Radioheads In Rainbows, an dessen Songwriting mich das auf Getting Killed erinnert. Thom Yorke und Cameron Winter treffen beide den richtigen Ton, um ehrlich über ihr Elend zu sprechen und mit der Absurdität ihrer abstrakten Lyrik dabei witzig zu sein. Und weil es Geese ein Anliegen zu sein scheint, ihren Witz beizubehalten und sich mit jedem Projekt weiterzuentwickeln, kann ich nur gespannt bleiben, wie es nach Getting Killed weitergeht.
Bilder: Philip Smukala/CT das radio