Musik | Hörtest
Disturbed – Indestructible
Wenn eine Band ihr Album Indestructible nennt setzt sie die Messlatte extrem hoch. Unzerstörbar soll das Album sein und den Abnutzungserscheinungen der Zeit standhalten. Was im ersten Moment nach maßloser Überschätzung klingt, wird schnell Realität wenn man in das Album reinhört: massive und brutale Gitarrenriffs, treibende Drums und die Stimme von Frontman David Draiman, welche in Sekunden zwischen aggresivem Brüllen und melodischem Gesang hin und her wechseln kann. Verfeinert wird dieses musikalische Rezept durch düstere Songtexte, die mehr oder weniger eine offene Therapiesitzung zur Verarbeitung der persönlichen Traumata von David sind.
Das Album Indestructible ist das vierte Studioalbum der amerikanischen Band Disturbed und erschien am 31. Mai 2008. Veröffentlicht wurde es durch Reprise Records und erreichte Platz 1 der amerikanischen Albumcharts. Es umfasst 12 Songs und läuft ungefähr 50 Minuten. Nach den ersten drei Alben übernahm die Band den größten Teil der Produktion selbst: Herausgekommen dabei ist eines der härtesten und düstersten Albums der Band.
Viel Zeit zum Eingewöhnen gibt es nicht. Der erste und namensgebende Song des Albums fällt nicht nur direkt mit der Tür ins Haus, er nimmt sogar ein Stück vom Hauseingang mit. Nach ein paar Sekunden Sirenenheulen fängt das charakteristische Gitarrenriff an, spätestens wenn die Drums und Davids Stimme, die selbst wie ein Instrument funktioniert, dazukommen, weiß man, dass es Ziel ist das gesamte Haus einzureißen. Der Song wirkt wie eine Art Motivationsrede für die Auseinandersetzung mit Betrug, Entfremdung, Selbstmord und Einsamkeit, welche in den folgenden Titeln thematisiert werden. Man soll ein „indestructible master of war“ werden, wie es in dem Lied heißt, um den Kampf mit den bevorstehenden Liedern zu überstehen.
Schon der direkt nächste Song, und einer der stärksten Songs der Albums meiner Meinung nach, gibt einem das Gefühl, dass das Haus schon abgerissen wurde und man nun in den Ruinen steht, um bei der Metapher von vorhin zu bleiben. Der Song wirkt mit seinem Gitarrenriff und Davids Stimme extrem aggressiv, man hat das Gefühl, dass David manchmal sich selbst anschreit anstatt zu singen, was keineswegs weniger gut klingt. Während der Song also musikalisch immer weiter nach vorne getrieben wird, setzen sich die Lyrics mit dem Selbstmord von Draimans Exfreundin aus und seinen daraus resultierenden Traumata. Für mich macht dieses Persönliche was hinter der aggressiven Musik hervorsticht, den Song Inside the Fire zu einem der stärksten des Albums.
Auf der anderen Seite zeigen Songs wie The Night oder Haunted, dass Disturbed auch weiß wie man Spannung mit melodischen Gitarrenriffs aufbaut, ehe diese in dem gewohnten härteren Gitarrensolo kulminieren. Diese etwas langsameren Gitarrenriffs harmonieren sehr gut mit Davids Stimme, der einmal mehr unter Beweis stellt, welche Gesangsspanne er mit seiner Stimme abdecken kann. Solche Songs zeigen, dass Disturbed auch funktioniert wenn nicht alles auf maximale Härte gestellt wird. Und ehrlich gesagt, sind diese Songs auch notwendig damit die aggressiveren Songs im Kontrast dazu noch aggressiver wirken und dadurch ein harmonisches Yin und Yang aus Melodie und Aggressivität entsteht.
Und genau dieser Gegensatz ist es der die größte Schwäche kaschiert, aber auch gleichzeitig sichtbar macht. Songs wie The Curse, Criminal oder Divide funktionieren als einzeln sehr gut. Die Starken Gitarrenriffs und der kraftvolle Refrain, besitzen genug Energie um Köpfe zum Nicken zu bringen. Hört man das Album, jedoch am Stück fällt auf wie ähnlich die Songs aufgebaut sind. Ein markanter Gitarrenriff, Davids kontrollierte Stimme und beide werden kraftvoller und lauter hin zum Refrain und danach wartet noch ein Gitarrensolo. Diese Kombination ist nicht schlecht, sie ist Teil der Disturbed-DNA und wird von der Band sehr gut beherrscht- doch spätestens nach 4 Songs wird sie vorhersehbar. Auf der anderen Seite ist genau das was dieses Album so konsequent macht. Warum nicht das machen was man hervorragend kann und mit anderen Sachen rumexperimentieren? Disturbed weiß genau, was sie mit dem Album erreichen wollen und ziehen es konsequent 50 Minuten durch.
Der letzte Song Facade ist eine Zusammenfassung genau dieses konsequentes Musters. Kraftvolles Gitarrenriff, laute Stimme und Eskalation in der zweiten Hälfte des Songs. Alles in Einem ist Indestructible kein Album was diskret und subtil sein möchte. Die Songs sind darauf ausgelegt musikalisch gegen die Tür zu klopfen- und direkt nochmal hinterher zu schlagen wenn die Tür noch stehen sollte. Aber genau dieser Mix aus Melodie und Aggressivität macht dieses Album so gut. Wer vor dem Album den Sound von Disturbed nicht mag wird sich nicht plötzlich nach dem Hören bekehren lassen. Dafür ist das Album zu kompromisslos Disturbed. Wer jedoch auf kraftvolle Gitarren, laute Refrains und einen Hauch Melodie steht, kriegt bei dem Album genau das was er will. Nach knapp 50 Minuten Laufzeit fühlt man sich dann selber unzerstörbar.
Bild: Disturbed/ Reprise Records