Musik | Konzerte
Anna Of The North im artheater Köln
Anna Of The North ist auf Europa-Tour und macht Halt im artheater in Köln. Das bedeutet für mich: Nichts wie auf in die große Stadt um die Ecke. Auf dem Weg dahin habe ich die Möglichkeit, mich ein wenig durch ihre Diskographie durchzuhören, sodass ich abends bestens vorbereitet bin. Immerhin vier Alben und zwei EPs hat die Norwegerin seit 2017 veröffentlicht, wobei die Tour ganz im Zeichen ihres aktuellen Albums Girl in a Bottle steht.
Was erwartete ich also? Relativ zügig ist mir, wie wahrscheinlich allen anderen, die sich die Musik von Anna Of The Northanhören, klar, dass musikalisch viel elektronischer, molliger Indie-Pop geboten werden wird, der qualitativ der Musik ebenfalls norwegischer Acts wie AURORA oder Sigrid in nichts nachsteht. Doch während letztere inzwischen die größeren Bühnen der Welt bereisen, performt Anna Of The North noch stets in kleineren, intimeren Clubs, obwohl auch sie sich als Artist international etablieren konnte. Genau so habe ich sie 2017 kennengelernt: Damals war sie – zu dem Zeitpunkt noch als Duo – als Feature-Gast auf zwei Titeln (Boredom, 911 / Mr. Lonely) des Albums Flower Boy von Tyler, The Creator vertreten.
Nun aber zum Konzert. Das artheater wirkt auf den ersten Blick wie eine Oase der Ruhe im trubeligen Nachtleben von Köln-Ehrenfeld. Durch einen kleinen, gemütlichen Innenhof geht es in den kleine Saal, in dem in wenigen Minuten Anna Of The North auftreten wird. Allzu voll ist es nicht und ich finde problemlos einen Platz ganz vorne. Auf der Bühne steht zu diesem Zeitpunkt bereits in großen Lettern M Y L E, die Bühne für den Support ist also bereitet.
Myle bietet dabei Indie-Singer/Songwriter-Gitarrenpop an, der wirklich solide ist. Er allein mit Akustikgitarre und Stompbox gibt Lieder zum besten, die von Liebe und Selbstverlorenheit (und anschließender Selbstfindung) handeln. Gut, das hat man inzwischen vielleicht schon ein paar mal zu oft gehört, aber nun ja. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass sein Auftritt meine persönliche Überdrüssigkeit dieser Art Musik gegenüber nicht verstärkt hätte, aber als ein Gruß aus der Küche funktioniert es auf jeden Fall.

Bild: Moritz Morsch / CT das radio
Dann ist es aber auch so weit: Nach einem kurzen Teaser-Video betritt Anna Of The North die kleine Bühne. Mit dabei hat sie eine Backing-Band aus Drummer, Gittarist/Keyborder sowie Bassist/Keyboarder. Direkt von Beginn an ist sie dabei voll in ihrem Element, singt, tanzt und versucht das Publikum zu animieren, was – zunächst verhalten, spätestens beim Lied Call Me jedoch ungeniert – mitmacht. Dabei offenbart sich wie bunt durchmischt die Zuhörer:innen sind: Alle Altersgruppen sind vertreten und im Gegensatz zu vielen anderen Konzerten, fällt es mir schwer, einen typischen Anna Of The North-Fan zu charakterisieren.
Das Konzert selbst bietet einen Einblick in ihre gesamte Diskographie. Zwischen Liedern aus ihrem aktuellen Album wie dem schon erwähnten Call Me oder auch dem sehr schönen Waiting For Love sind auch ältere Lieder wie das ruhige Leaning on Myself aus dem 2019er Album Dream Girl oder das auf norwegisch gesungene Nesten narkoman. Absolutes Fan-Highlight (und Closer des Konzertes) ist dabei ihr größter Song Lovers aus dem gleichnamigen Debütalbum.

Bild: Moritz Morsch / CT das radio
Man merkt während der gesamten Show, wie sehr Anna Of The North und ihre Band den Auftritt genießen. Nie hatte ich das Gefühl, dass hier einfach ein Programm abgespult wird, immer sthen da vor mir vier Menschen, die einfach Spaß daran haben, gemeinsam Musik zu machen. Dementsprechend klingen die Songs auch anderes als im Studio, so wird beispielsweise viel Platz für Gitarrensoli eingeräumt, die überraschend gut zum Material passen.
Gleichzeitig wird auch immer Raum zur Entschleunigung geboten. Die als Intro laufenden Video-Sequenzen werden immer wieder erneut aufgegriffen und teilen die gesamte Show in drei Akte. Gut: Inhaltlich kommen die Videos hier und da ein wenig pathetisch daher, aber insgesamt bieten sie eine gute Möglichkeit, sich wieder zu sammeln und sich auf den Rest der Vorstellung zu freuen. Ein mich etwas traurig stimmenden Gedanken habe ich jedoch während der gesamten Show. Gefühlt ist die Musik von Anna Of The North zu groß für die kleine Bühne des artheater. Woran mag es liegen, dass sie dennoch hier spielt? An der Qualität des Materials gewiss nicht. Es ist ein wenig ernüchternd zu sehen, dass Anna Of The North nicht die große Fangemeinde hat, die sie verdient, selbst das artheater ist nicht ausverkauft. Das stört das Publikum bei ihrem bekannstesten Song Lovers allerdings nicht. Viele singen mit, manche auch für zwei bis drei Leute. Es ist ein, wie ich finde, gebührlicher Abschluss.
Und dann ist es auch ganz plötzlich vorbei. Die letzten Töne von Lovers verklingen und schon wird sich verabschiedet. Während vom Band Chers Believe läuft, verschwindet die Band und Anna von der Bühne um anschließend kurz mit dem Publikum zu dem Song zu tanzen. Draußen vor der Tür komme ich im Anschluss mit ein paar Leuten ins Gespräch. Gefallen hat es allen. Ob sie Fans seien, möchte ich wissen. Da gibt es sehr gemischte Antworten. Die meisten mit denen ich reden konnte, seien vor allem Stammgäste vom artheater und nehmen deswegen viele Shows von ihnen unbekannten Acts mit. Fans geworden seien sie jedoch schon.
Alle Bilder: Moritz Morsch / CT das radio