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Lösch DIch
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Sind das wirklich Nazis? – Zweifelhaftes Beispiel in der Funk-Doku „Lösch Dich“

16. Mai 2018
von Lennart Rettler

Aktuell bekommt eine Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots funk ziemlich viel Aufmerksamkeit. Sie enthüllt interessante Fakten, die für den gesellschaftlichen Diskurs unheimlich wichtig sind, greift dabei aber zu durchaus zweifelhaften Mitteln. 

In der Neo-Magazin-Royale-Folge vom 26. April sitzt Jan Böhmermann mit einem Stahlhelm an seinem Moderationstisch und ruft zum Kampf gegen die rechten Trolle im Netz auf. Mit Reconquista Internet soll sich eine Gegenbewegung zu Reconquista Germanica, einer rechten Troll-Vereinigung formieren, um das Klima im Internet und besonders in den sozialen Netzwerken zu bekämpfen.

Es begann mit der Doku „Lösch Dich“

Böhermann und sein Team starten diese Aktion basierend auf der funk-Doku „Lösch Dich“, die auf dem Kanal des YouTubers Rayk Anders hochgeladen wurde. In dieser Doku berichtet ein Team aus Journalisten, Wissenschaftlern und Hackern über die Gefahr der sogenannten Trolle im Netz. Sie weisen darauf hin, dass im Internet ein eindeutiges Klima des Hasses vorherrscht, Personen regelmäßig beleidigt werden und in vielen Fällen sogar persönlich bedroht werden.

Entdeckung einer Hinter-Organisation

Den investigativen Höhepunkt erlangt die Doku, als sie herausfindet, dass hinter vielen Hasskommentaren im Netz scheinbar eine Organisation zu stecken scheint. Sie schleusen sich in das Portal von Reconquista Germanica ein. Diese Internet-Organisation übt gezielt und systematisch Hass in Kommentarspalten auf YouTube, Twitter, Facebook oder irgendeinem anderen sozialen Medium aus. Dabei wird zum Kommentieren unter bestimmten Videos aufgerufen. Die Mitglieder agieren mit einer großen Anzahl von Fake-Accounts, wodurch es den Eindruck erweckt, dass mehr Leute eine bestimmte Meinung vertreten, als es tatsächlich der Fall ist. Außerdem zeigen sich in diesen Kommentaren eindeutig rechte Tendenzen und Ansichten.

Ein ernstzunehmendes Problem

Die Doku widmet sich einem Phänomen, das unheimliche Auswirkungen auf die Gesellschaft haben kann, und das bis zum Erscheinen dieser Dokumntation in der deutschen Medienlandschaft vermutlich noch nie so drastisch dargestellt wurde. Hate-Speech im Internet ist ein Thema, mit dem sich auch die Bundesregierung explizit auseinandersetzt. Viele Studien und Untersuchungen weisen darauf hin, dass Trolle oder Social Bots (Computerprogramme, die einen echten Menschen in sozialen Netzwerken mimen) Einfluss auf die letzte US-Wahl hatten.

Die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann zeigte schon 1980 auf, dass Menschen sich bei der Bildung der eigenen Meinung auch auf die Meinung anderer verlassen, und dass im Zuge dessen auch die medial verbreitete Meinung einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung haben kann. Grob gesagt: Erweckt es den Eindruck, dass viele Menschen Anhänger einer bestimmten Meinung sind, so ist es wahrscheinlich, dass die Einzelperson auch weiterhin Anhänger einer Meinung bleibt, da sie sich durch die Zustimmung der anderen in ihrer Meinung bestärkt fühlt. Durch die Vielzahl an Fake-Accounts der Reconquista Germanica Anhänger und der hohen Anzahl ihrer Kommentare erweckt es für Außenstehende den Anschein, dass mehr Leute Anhänger einer bestimmten Meinung sind, als es tatsächlich der Fall ist. Dies kann die Außenstehenden wiederum in der Meinungsbildung beeinflussen, wobei dies natürlich nicht der einzige Faktor ist.

Zweifelhafte Mittel

Jedoch weist die Dokumentation einige Inhalte und Vorgehensweisen auf, die unbedingt kritisch zu betrachten sind. Der Name der Dokumentation Lösch Dich basiert auf einem Format der beiden YouTuber imp und Dorian. Die Dokumentation kritisiert die beiden dafür in diesem Format Hass zu verbreiten; und damit hat sie auch nicht unbedingt Unrecht. In ihren Videos finden sich Beleidigungen und eindeutig diffamierende Aussagen. Es hätte gereicht die beiden YouTuber dafür zu kritisieren. Doch infolgedessen werden die beiden als rechte Trolle gekennzeichnet und auf eine Stufe mit den Anhängern von Reconquista Germanica gestellt.

HKNKRZ-T-Shirt, Beleidigungen gegen Frauen, Schwule, Andersdenkende

Dorian wird vorgeworfen Nazi-Symbolik zu vertreiben, KZ-Punchlines zu verwenden und Schwule, Frauen und Andersdenkende zu beleidigen. Der Ursprung für diese Anschuldigungen entstammt einem Video des Internet-Rap-Battles „VBT“, an dem Dorian 2015 teilnahm.

Und es kommt auch alles tatsächlich vor. Dorian hat eindeutig ein HKNKRZ T-Shirt an, benutzt einen KZ-Spruch, beleidigt Frauen und Behinderte. Und dazu trägt er auch noch einen Hitler-Bart (warum hat die Dokumentation das eigentlich nicht erwähnt?). Außerdem laufen die ganze Zeit virtuelle Dinosaurier durch den Wald, in dem sich Dorian befindet. Hätte sich eine Person des Rechercheteams wenigstens die Mühe gemacht, mehr als die erste Minute des Videos zu gucken, so hätte sie gesehen, dass das alles satirische Instrumente sind, um tatsächlich einen Nazi zu entlarven. Denn in der zweiten Strophe spricht Dorian auch Realtalk und weist auf die rechten Verhaltensweisen seines Gegners (Raka88) hin. Satire benutzt manchmal drastische Elemente, die durchaus Grenzen überschreiten können. Aber das sollte man ihr erlauben. Falls nicht, könnte funk durchaus auch in einem Video gegen Böhmermann recherchieren…

In dem Video macht sich Dorian auch darüber lustig, dass Raka88 auf einer Nazi-Demo öffentlich den Holocaust geleugnet hat. Genau das gleiche Verhalten wirft funk ihm in der Dokumentation vor. Betrachtet man aber den Kontext seiner Aussage in dem Interview, so wird klar, dass er nicht sagt, es hätte den Holocaust nie gegeben, sondern nur darauf hinweist, dass er das generelle Verbot einer Aussage problematisch sieht. Er unterstreicht wie absurd es ist, den Holocaust zu leugnen und spricht sich daher dafür aus, einfach die Vertreter dieser Aussage und die Aussage öffentlich als eindeutig falsch zu titulieren und dies zu begründen.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Es erweckt den Eindruck, als haben die Macher der Doku wissentlich diese Dinge ignoriert, damit das Bild von Dorian und imp als rechte Hass-Verbreiter in ihre Argumentation passt. Denn schaut man sich die Gegendarstellung der beiden YouTuber an, so wird deutlich, dass aus dem Interview nur die Ausschnitte verwendet werden, die auch zur Argumentationslinie der Dokumentation passen. So nutzen die Macher der Dokumentation explizit einige Ausschnitte, die die beiden YouTuber in einem schlechten Licht darstellen. Wie aus einem Mitschnitt des Interviews von imp und Dorian hervorgeht, gibt es eindeutige Passagen, in denen sie betonen, dass sie viele Elemente satirisch einsetzen, dass sie sich nicht zur rechten Szene dazu zählen und sich auch nicht gerne von „Rechten bejubeln lassen“ (Aussage von Rayk in der Dokumentation). Diese werden in der veröffentlichten Doku jedoch nicht genutzt.

Uneinsichtige Stellungnahme

In einer Stellungnahme zur Kritik bezüglich des Umgangs mit imp und Dorian, veröffentlicht von Rayk Anders, möchte der YouTuber darauf hinweisen, dass die beiden in der Doku nie explizit als Nazis betitelt werden. Er betont nur, dass Leute, die aus reinem Spaß an der Provokation solche Grenzüberschreitungen machen, natürlich in einen Film übers Trollen gehören. Verzichtet man auf die Bedingung, dass diese Provokationen nur aus Spaß getätigt werden (so wie es beispielsweise im Video zum Rap-Battle der Fall ist) so führt das wieder zum Begriff der Satire zurück und hat nicht unbedingt etwas mit Trollen zu tun. Außer man bezeichnet Satire als eine Form des Trollens. Denn genau dort wird vor allem mit grenzüberschreitenden Provokationen gearbeitet (siehe beispielsweise Böhmermanns Gedicht über Erdogan). Auch in ihrer „Lösch Dich“-Reihe nutzen sie die Grenzüberschreitung nicht nur als Spaß an der Provokation, sondern auch, um auf Misstände aufmerksam zu machen, die ihrer Meinung nach bestehen. Worauf jedoch aufmerksam gemacht werden könnte, ist dass sich ihre Kritik und ihre Beleidigungen nicht gegen höher gestellte Menschen wie Politiker richtet, sondern auf YouTuber zielt, die sich ungefähr auf Augenhöhe befinden. Außerdem könnte man ihre Ansichten argumentativ entkräften und sie nicht einfach nur darauf ausruhen, sie als Trolle zu bezeichnen.

Den Rechten in die Arme gespielt

In seinem Reaktionsvideo erklärt Rayk Anders außerdem, dass es nur eine generelle Doku über Trolle wäre, weswegen imp und Dorian zwangsweise vorkommen müssen. Zu keinem Zeitpunkt der Doku wird jedoch deutlich zwischen den beiden und beispielsweise Reconquista Germanica oder dem Anhänger der Identitären Bewegung Martin Sellner unterschieden, weswegen dem Zuschauer leicht suggeriert werden kann, dass eben auch imp und Dorian Teil dieser rechten Trolle sind. So ging es mir beispielsweise nach der Doku, als ich auch noch keine Ahnung hatte, wer imp und Dorian überhaupt sind.

Die beiden hätten andersweitig und nicht unbedingt als Bestandteil dieser Doku betrachtet werden sollen. Man hätte sie schlichtweg als das bezeichnen sollen, was sie sind: YouTuber mit möglicherweise fragwürdigen Ansichten und möglicherweise fragwürdigem Humor. Da dem Zuschauer nun aber suggeriert wird, die beiden wären auch Bestandteil der rechten Szene, unterstützt es die gern genutzte These: Wegen der Political Correctness könne man ja nichts mehr sagen, ohne dafür in die Rechte Ecke gedrängt zu werden. Desweiteren wirkt es von funk sehr verbittert, dass so ein kleiner Kanal mit geringer Reichweite, der vorher öfter für Kritik an dem Jugendsender bekannt war, unbedingt in dieser Dokumentation angegriffen werden muss.