Musik | Hörtest

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Yung Hurn – 1220

7. Mai 2018
von Robert Frambach

Es ist ein schmaler Grat zwischen genial und total bekloppt, zwischen Kunst und Schrott. Und irgendwo zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich Yung Hurn gewohnterweise auf seinem – endlich erschienenen – „Debütalbum“ 1220. Nach zahlreichen Mixtapes, EPs und alleinstehenden Songveröffentlichungen widmet der junge Wiener nun ein offizielles Album der Postleitzahl seiner Heimatstadt und bleibt sich im gewissen Maße treu.

Als guter Mix aus seinem bisherigen Schaffen vereint 1220 die oftmals belanglosen Lyriken seiner früheren Releases mit den musikalischen Untermalungen seiner Projekte aus naher Vergangenheit, und das sehr zwanglos. Es gibt keinen roten Faden im klassischen Sinne, auch wenn sich gewisse Phrasen und Themen wie Oralverkehr und Drogenkonsum durch das gesamte Album ziehen. Mal liebevoll und verträumt (GGGut, Bist du alleine., Was sie will), mal übermütig herablassend (MHM, OK Cool) und mal nachdenklich und fast schon tiefgreifend (Eisblock, Fühlen).

Auch wenn man beim ersten Hören das Gefühl bekommen mag, das Album sei streckenweise lieblos dahin gerotzt, so stellt sich auf Dauer eine Akzeptanz für das ein, was man dort hört. Die Refrains, größtenteils bestehend aus repetitiven Phrasen oder gar nur Wörtern, sind nicht mehr mangelnder lyrischer Kreativität geschuldet, sondern erscheinen vielmehr als Stilmittel. Die lieblos vorgetragenen, teilweise genuschelten Vocals Yung Hurns wirken weise gewählt und tragen ihren Teil zur Gesamtstimmung des Albums bei. Zumal man sich bei namenhaften Produzenten wie Stickle eh nicht vorstellen kann, dass irgendwas im Rahmen der Produktion ungewollt passiert ist – welche nicht unerwähnt bleiben darf. Die Beats sind – unabhängig vom jeweiligen Stil – aller erste Sahne und haben definitiv das Potential die Crowd live zum Ausrasten zu bringen.

Einzig Du lügst und Lachs Anthem – auf denen Yung Hurn seinen All-time-best-Buddy Jonny 5 als Featuregast einlädt sind verzichtbar für das Album – was aber wiederum zwei Dinge verdeutlicht: Zum einen wird im direkten Vergleich klar, dass es vor allem die künstlerische Art und Weise Yung Hurns ist, die seine Musik rechtfertigt und funktionieren lässt. Zum anderen, dass ihm so etwas offenbar egal ist, und er letztendlich doch nur das tut, worauf er Lust hat. Und wenn das halt Featuresongs mit seinen Freunden sind, dann müssen wir damit leben. Nichts desto trotz ist 1220 im Gesamtbild eine gelungene Erweiterung für das Portfolio des Wiener Rappers. Ob es nun aber tendenziell mehr Kunst oder mehr Schrott, ist bleibt jedem selbst überlassen.