Musik | Hörtest

Let's Eat Grandma
Let's Eat Grandma

Let’s Eat Grandma – I’m All Ears

2. Juli 2018
von Samira Hrach

Verworren, träumerisch, galaktisch. Alles Adjektive, die sowohl das Cover des Albums I’m All Ears von Let’s Eat Grandma beschreiben, als auch die Musik selbst. Die mystisch ineinander laufenden Gesichter, der schimmernde violette Schleier, die ausdrucksstarke Mimik. Auch musikalisch bedienen sich Rosa Walton und Jenny Hollingworth auf ihrem zweiten Album an dieser ästhetischen Welt. I’m All Ears ist ein Popalbum, womit aber noch nicht mal ansatzweise genug gesagt ist. Mit übermütiger Technik Obsession, gewagtem Spiel mit Soundeffekten und gebrochenen Strukturen erzeugen die zwei 19-Jährigen Britinnen eine einzigartige Soundästhetik.

Im Vordergrund stehen definitiv die teilweise sehr schrillen Synthesizer-Sounds gepaart mit den jugendlich süßen, aber gleichzeitig intensiv und eindringlichen Stimmen von Walton und Hollingworth. Zu Beginn eines Songs kann man nicht voraussagen wie er endet. Der rote Faden ist vorhanden, aber er läuft nicht geradlinig; vielmehr über Ecken, zeitweise zerknüllt, bis er am Ende klar zu sehen ist. Die beiden locken mit langen Spannungsbögen auf falsche Fährten und bewegen sich stets zwischen den zwei Extremen: sehr reduziert und hoffnungslos überladen. Im Vergleich zum Debütalbum aus 2016 I, Gemini – zu dessen Entstehungszeitpunkt die beiden gerade mal zarte 17 Jahre alt waren – ist I’m All Ears durchaus gereifter und ernster, worunter die Experimentierfreude aber nicht gelitten hat. Während die Namen der Songs der ersten Platte mit Eat Shiitake Mushrooms, Chimpanzees in Canopies oder Chocolate Sludge Cake mehr an jugendliche Leichtsinnigkeit erinnern, können Let’s Eat Grandma in I’m All Ears mit mehr Tiefe und der neugewonnenen Ernsthaftigkeit punkten.

Los geht das Album mit einem nicht mal zwei Minuten langen, rein instrumentalen Intro, das mystische Synthie-Sounds und schräge Geigenklänge vereint. Die perfekte Einstimmung bis es dann mit Hot Pink so richtig los geht. Der schwebend träumende Anfang steigert sich langsam bis der Song sich in bunten und überschlagenden Sounds, hinterlegt mit schrägen Geräuschen wie zerbrechendes Glas, entfaltet. Mit Textzeilen wie: “And while you’re trying to decide/ If it’s a girl or if it’s a guy/ If there’s a reason to define”, ist von ironischer Thematik wie auf dem ersten Album keine Spur mehr zu hören. Trotz dieser Ernsthaftigkeit ist Hot Pink aber absolut tanzbar. Der darauffolgende Track It’s Not Me liefert dann den Ohrwurm der Platte. Vor allem der Refrain mit wunderbar glitzernd klingenden Synthie-Sounds bohrt sich tief in den Kopf.

Let’s Eat Grandma können aber auch durchaus in Richtung Balade – zumindest so wie die jungen Britinnen es interpretieren. Snakes & Ladders ist so eindringlich, dass man beim Mitsingen das Gesicht bedeutungsschwanger verziehen möchte und auch I’ll Be Waiting berührt einen so richtig. Trotz ruhigem Charakter nimmt dieser Song kurz durch straffe Beats Fahrt auf um dann wieder beherrscht zu enden. Die Eindringlichkeit der Message „It’s late, but I will keep waiting for you“ wird aber auch dadurch nicht geschwächt. Am geradlinigsten und vorhersehbarsten ist die erste Singleauskopplung Ava. Hier zeigen Rosa Walton und Jenny Hollingworth – nur begleitet vom Piano – was sie stimmlich draufhaben.

Wen die Crazyness vom ersten Album überzeugt hat, wird auch auf I’m All Ears nicht enttäuscht. Die Songs Missed Call (1) und The Cat’s Pyjamas verdeutlichen dem Hörer wie sich ein verpasster Anruf anfühlt oder wie eine Katze, mit Akkordeon hinterlegt, schnurrt und schmatzt. Let’s Eat Grandma haben mit I’m All Ears ein Popalbum geschrieben, das eine Klangwelt auftut, die unfassbar breit und vielfältig ist. Mit einem besonderen Gespür für Ästhetik haben die 19-Jährigen Britinnen sowohl klanglich als auch grafisch ins Schwarze – oder ins galaktische Violett-Bunte – getroffen.