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isolation berlin
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Isolation Berlin – Vergifte Dich

5. März 2018
von Samira Hrach

Enttäuschung, Überdruss, Hoffnungslosigkeit. Gefühle, die jede*r – nicht nur Isolation Berlin-Frontmann Tobias Bamborschke – sehr gut kennt. Wie soll es weitergehen, kann man das jemals vergessen und hat das Leben überhaupt einen Sinn? Mit diesen desillusionierenden Fragen beschäftigen sich Isolation Berlin hauptberuflich. Depression, Wehmut und die Tristesse des Lebens sind ihr Spezialgebiet.

Was hat die Welt den vier Berlinern nur angetan? Das fragte man sich schon nach dem Debütalbum Und aus den Wolken tropft die Zeit. Die vor zwei Jahren erschienene Platte strotze nur so vor Selbstzerstörung, Wut und Pessimismus. In schrabbeliger Pop-Punk Manier besangen sie die nackte Eintönigkeit des Lebens. Und das so auf-den-Punkt-bringend und gleichzeitig traurig-schön. Dieses Album machte deutlich, dass es genau das ist, was die vier Jungs einfach richtig gut können. Simple Textzeilen, die eiskalt und direkt ins Herz treffen.

Aber wie geht es den Jungs von Isolation Berlin nach dieser scheinbar traumatischen Erfahrung, die sie – wie Die Sterne schon fragten – bloß so ruiniert hat? Leider muss man sagen: Es geht ihnen noch schlechter. Wirklich leider? Wohl eher: zum Glück. Das zweite Album Vergifte dich nimmt die Hörer*innen mit auf eine Reise durch die tiefsten Abgründe des menschlichen Gefühlslebens. Wie ein Tagebucheintrag, bei dem man sich traut sich dem Selbstmitleid und der Wut vollkommen hinzugeben, ohne sich zusammenzureißen und ohne etwas zu beschönigen oder zu relativieren. Ein gebrochenes Herz, Sehnsucht und Selbstzweifel tun verdammt weh – und das kann auch ruhig mal jemand so deutlich sagen!

Im marschierenden Rhythmus des Openers Serotonin wünscht sich Frontmann Bamborschke in ein Kartenhaus, bestehend aus diesem Glückshormon, während er den Tag stundenlang im Park zerlatscht und dabei den Sinn seines Lebensabends sucht. Der Song Vergifte Dich bietet daraufhin eine Lösung für dieses Gefühl: „Wenn du keinen Sinn mehr siehst, jede Nacht nur Nietzsche liest / dann sei doch nicht traurig“, sondern „vergifte dich“. „Ich mach auch mit. Rauschgift.“ Unterstützt von fast unmelodischen Gitarren, betont durch die raue Stimme von Sänger Bamborschke ist dieser Song definitiv das Highlight der Platte. Aber leider auch nicht die Lösung aller Probleme.

Dieser Hass aufs Leben ist auch im nächsten Song nicht überwunden. Quietschende Sounds, die gegen die monotone Stimme des Sängers kämpfen, der stumpf aufzählt, was er am Leben alles besonders hasst: „Wenn ich eins hasse, dann ist das dein Lächeln, dass sich schmerzhaft in meine Netzhaut frisst und mich noch umbringen wird.“ Diese niederschmetternde aber gleichzeitig faszinierende Wahrheit zieht sich durch das ganze Album – genauso wie die Schnur um den Hals, die sich beim Hören immer weiter zu zieht. Trotz all der direkten Zerstörungswut bleibt am Ende aber doch kein Gefühl von Hilflosigkeit bei den Hörer*innen hängen. Vergifte Dich ist ein Album, das realistisch und erstaunlich nüchtern die Abgründe des Lebens dokumentiert. Das Leben ist hart. Und wird das wohl auch für immer bleiben. „Vergeben heißt nicht vergessen: doch mit der Zeit tut‘s nicht mehr ganz so weh.“