Musik | Hörtest

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Haiyti – Montenegro Zero

14. Januar 2018
von Benedict Weskott

Sie fährt im Land Rover mit getönten Scheiben vor und holt die Kilos ab, hängt nur mit Pimps und Edelnutten und fährt Nightliner und City Tarif. Sie hat 100.000 Fans, die sie noch nicht kennen, und Flügel wie Pegasus. Sie ist „nicht so ’ne Crackbitch, sondern echte Geschäftsfrau“. Eine Rapperin, deren Ästhetik zu jedem Zeitpunkt ruft: Look at all the fucks I give.

Haiyti ist seit ihren ersten Lebenszeichen 2015 ein wirkliches Phänomen und ihre kodeinhaltige Dirty-South-Attitüde á la Three 6 Mafia oder Rick Ross im deutschen Rap nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal. Nach ihrem in Eigenregie vertriebenen Album Havarie und den EPs und Mixtapes Follow Mich Nicht, Toxic, Nightliner, Citytarif, Jango und White Girl mit Luger (von denen drei im letzten Jahr erschienen) könnte das Haiyti-Angebot zwar langsam übersättigt sein. Aber von Ermüdungserscheinungen keine Spur, stattdessen geht es auf Montenegro Zero mit Vollgas vom Bordstein zum Broadway zur Skyline – und diesmal nicht zurück.

Das Produzententeam KitschKrieg sorgt wie schon bei der vergötterten Toxic EP für einen unnachgiebigen Sound zwischen Trap, Dancehall, Cloudrap und Trance-Elementen und schlägt damit zu Anfang mitten ins Gesicht. 100.000 Fans mitsamt des Musikvideos ist Haiytis längst überfällige, eigenermächtigte Krönung für die Köningin der Hamburger Straßen. „Mein Handy, das ist ein trap phone, jeder Anruf ist ein money call.“ Jede Line sitzt, jeder Beat klatscht, der Bass bouncet. Was in ein 40-minütiges Beatgemetzel münden könnte, wird aber in Tracks wie Gold, Sunny Driveby und Bahama Mama deutlich poppiger und setzt sich auch textlich klar von Havarie ab.

Das Intro von Bahama Mama beispielsweise wäre auch beim Eurovision Song Contest gut aufgehoben. „Was soll ich mit allem Gold der Welt? Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir“ (Gold) könnte Yung Hurn nicht schöner säuseln. Und Monacco verhackstückelt Haiytis Autotune-Gesang im Refrain bis zur Unkenntlichkeit. Dazu kommen die krassen Gegensätze zwischen Gosse am Hamburger Hauptbahnhof (Haubi), Champagner und Kaviar (American Dream, Monacco); zwischen Austeilen (Bitches) und Liebeserklärungen (Sunny Driveby, Gold); zwischen Partyabsage (Berghain) und Stress-Machen (Mafioso).

Haiyti nennt den neuen Sound „Gangsta-Pop“, an einigen Stellen wird die Vehemenz von Havarie oder dem City Tarif-Mixtape vermisst. Das muss und will nicht gefallen und tut es vielen (aus verschiedenen Gründen) sicher auch nicht. Deutlich zeigt sich aber immer noch der künstlerische Ansatz im mal mehr, mal weniger ironischen und überzeichneten Umgang mit Gangsterposen, Drogen und dicken Schlitten: „Du weißt, dass ich mehr will als mir zusteht“ (Mafioso). Und die Ästhetik scheint sich nicht abzunutzen, vielmehr kann sie immer weiterentwickelt und dekonstruiert werden. Mit einer Zeile hat Haiyti also in jedem Fall recht: „Die Kleine macht jetzt Kasse.“