Musik | Hörtest

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Fucked Up – Dose your Dreams

15. Oktober 2018
von Max Afemann

Willkommen in der Postmoderne, David. Fucked Up schicken den Protagonisten ihres Erfolgsalbums von 2011 wieder auf eine (alp-)traumhafte Reise und zitieren sich wild durch Literatur- und Musikgeschichte. Dabei verliert nicht nur David irgendwann Überblick und Verstand, auch den Hörer*innen wird viel abverlangt. Zuerst einmal muss man die bisherige Story von David vergessen, denn der hat mit dem Protagonisten des Albums David Comes To Life nämlich nicht mehr viel zu tun. Statt in einer Glühbirnenfabrik arbeitet David auf Dose Your Dreams im Büro, wird direkt im Opener gefeuert und trifft auf die mysteriöse Joyce Tops, die ihn auf eine skurrile Odyssee im Stil von Dickens Weihnachtsgeschichte in 18 Kapiteln mitnimmt. 

Auch nach mehreren Durchläufen erahnt man nur die Menge an Verweisen die Gitarrist Mike Haliechuk und Drummer Jonah Falco in anderthalb Jahren Arbeit an dem Konzeptdoppelalbum eingestreut haben. Das liegt nicht nur an der Masse von 82 Minuten Spielzeit, sondern auch an dem unübersichtlich bleibenden Wust an neuen Einflüssen und Herangehensweisen. Dose Your Dreams startet noch als scheinbares Indie-Punkalbum. Das Schlagzeug drückt die Songs nach vorne und Sänger Damian Abraham bellt sich durch die Geschichte, während Gitarre und Saxofon die seinem Gesang abgehende Melodie übernehmen. Doch ab der zweiten Hälfte des Albums fängt das bisherige Konzept an sich zu verändern. 

Abrahams ist auf Dose Your Dreams nämlich nicht mehr so allgegenwärtig wie gewohnt. Seine Stimme wird wie ein Dampfhammer eher zum akzentuieren benutzt, oder als Abrissbirne im stampfenden Industrial von Accelerate und Mechanical Bull. Die entstehenden Freiräume füllen Fucked Up diesmal mit mehr Melodie, stilistischer Vielfalt und GastsängerInnen als je zu vor. Unter anderem leiht Alice Hansen dem Shoegaze von How To Die Happy ihre schwebende Stimme, J. Mascis gibt dem Indierock von Came Down Wrong den letzten Schliff und Miya Folick singt sich zum Abschluss des Albums auf Joy Stops Time in Extase. Den stärksten Song des Albums, The One I Want Will Come for Me, hat sich Haliechuck gesichert. Über treibendem Schlagzeug und verhallten Gitarren kratzt er gerade an einer zu gefälligen Gesangsspur vorbei und liefert fast schon einen Indiehit. Wäre da nicht die Länge von über fünf Minuten.

Generell ist die Länge auch das einzig negative an Dose Your Dreams. Das Album ist zwar unglaublich vielseitig und wird auch nach dem x-ten Durchlauf nicht langweilig, bleibt aber am Stück anstrengend. Dazu verwirrt der Stimmendschungel beim Verstehen der unterliegenden Story, sodass man sich die letztlich mit den beigelegten Lyrics erschließen muss, nur um zu merken, dass die Geschichte diesmal nicht so schlüssig ist wie auf David Comes To Life. Entfernt man sich jedoch vom Konzeptalbumansatz bieten sich auf Dose Your Dreams wunderbare Collagen von verschiedensten Stimmen, Stilen und lyrischen Verweisen. Vielleicht ist der Titel ja wörtlich zu nehmen, denn das Album funktioniert gut dosiert tatsächlich besser als am Stück.