Gesellschaft

Feature: Bochumer Seminar beschäftigt sich mit strukturellem Rassismus und dem NSU-Komplex

7. Juli 2017
von Jasmin Sarah Brock

Der NSU-Prozess gegen Beate Tschäpe und mutmaßliche Unterstützer des rechtsextremen Netzwerks Nationalsozialistischer Untergrund läuft in München seit Mai 2013. Parallel werden immer wieder Klagen über Ermittlungspannen, Versäumnisse und Verhörmethoden von Polizei und Behörden laut. Wie wurde mit den Opfern umgegangen? Wie wurde über die Vorfälle berichtet? Warum wurden die NSU-Morde nicht früher aufgeklärt, weitere Todesfälle verhindert?
Diesen und anderen Fragen hat sich ein Tribunal im Mai 2017 in Köln gewidmet. Initiativen und Einzelpersonen haben eine Anklage abseits des offiziellen Prozess formuliert, solidarisch mit den Betroffenen der NSU-Mord- und Anschlagserie. Opfer und Angehörige kamen selbst ausführlich zu Wort. Das Tribunal war als partizipative Veranstaltung gedacht, unter anderem durch aktives Zuhören. Verschiedene Antirassitische Organisationen waren vor Ort, es gab Workshops, Theaterstücke und Ausstellungen. Das Herzstück bildete das Tribunal an sich, ein in mehrere Sprachen übersetztes zivilgesellschaftliches Zusammenkommen.

Ein Seminar an der Ruhr-Universität Bochum setzte sich nicht nur theoretisch mit der mangelnden Aufklärung des NSU-Komplexes auseinander, sondern besuchte auch das Tribunal in Köln in diesem Sommersemester. Dozentin war Dr. Anja Michaelsen, das Seminar wurde unter anderem für Studierende der Medienwissenschaft und Gender Studies angeboten. Wie die Studierenden die Thematik und die Veranstaltung empfanden, ist im obigen Nachbericht zu hören. Anja Michaelsen beschäftigt sich seit längerer Zeit wissenschaftlich mit dem NSU-Komplex. In der Vergangenheit besuchte sie bereits den Prozess in München mit einem Seminar.

Die Anklageschrift des Tribunals in Köln kann man hier nachlesen.

Hier sind weiterhin verschiedene Kurzclips zu sehen, die sogenannten „Spots“, die im Vorfeld der Veranstaltung produziert wurden.

Die Studenten und Studentinnen des Seminars bei Anja Michaelsen haben ihre Eindrücke kürzlich in Essays festgehalten – diese wurden Ende Juli auch auch in dem digitalen Journal kultur & geschlecht veröffentlicht.

Silvana Schmidt und Franziska Hesse schreiben zum Beispiel in einem gemeinsamen Essay „Zuschauer*inneneinbindung beim Tribunal NSU-Komplex auflösen“:

„Es war kein ‚entspannendes’ Theatererlebnis – die Aufarbeitung des NSU-Komplexes war harte, anstrengende Arbeit. Vom Anfang bis zum Ende und für jede*n; auch, und vor allem, für die Zuschauenden. Die Tatsache, dass den Zuschauer*innen keine richtige Möglichkeit gegeben wurde, sich aktiv einzubringen, sorgte für häufig minutenlangen Applaus und viele Momente, in denen der gesamte Saal aufstand, um den Betroffenen Respekt zu zollen. Besonders auffallend waren in diesem Kontext auch die Situationen, in denen der ganze Saal den Atem anzuhalten schien, ein Applaus aber ausblieb. Mit Bestimmtheit und spürbarer Verbitterung vorgetragene Schilderungen der Betroffenen gingen mitunter so unter die Haut, dass ein Applaus unangemessen schien, bei der Zuhörer*innenschaft jedoch ein deutlicher Wille zur Äußerung der Anteilnahme wahrnehmbar war; dieser Anteilnahme wurde teilweise im Rahmen eines kollektiven Aufstehens Ausdruck verliehen. Es war insgesamt stark spürbar, dass das Publikum hin- und hergerissen war zwischen dem Bedürfnis, seine Solidarität zu bekunden, und der Bereitschaft, den Hinterbliebenen und Opfern den gesamten Raum zu überlassen. Denn schließlich war es das, wofür alle sich zusammengefunden hatten: der so wichtigen Opferperspektive Platz zu geben!“

Christina Runge schreibt weiter in „Ästhetische Elemente im Widerstand: Die Folienzeichnungen im Tribunal NSU-Komplex auflösen“:

„Die verschiedenen Organisationen werfen die Frage nach der Verbindung zum NSU-Komplex auf: Was ist für die Auseinandersetzung mit dem Rassismus, der dem NSU zugrunde liegt, relevant? Wann ist das Publikum von so weitreichenden politischen und historischen Verbindungen ‚überfordertʻ? Deutlich wurde, dass eine Überforderung nicht vermieden werden konnte und durfte – sie war adäquat.“

Diese und weitere Essays sind in Ihrer Gänze hier nachzulesen.

 

Bilder: Tribunal ‘NSU-Komplex auflösen‘, http://www.nsu-tribunal.de

Die Äußerungen am Anfang des Features sind mit freundlicher Genehmigung des Tribunals der Videoreihe „Wir klagen an“ entnommen.

Musik im Fetaure: Dokapi unter CREATIVE COMMONS CC-BY-SA 3.0 Lizenz.

Die Autorin war selbst Teilnehmerin des Seminars.