Musik | Hörtest

drangsal
drangsal

Drangsal – Zores

30. April 2018
von Isabela Przywara

Zores kommt ursprünglich aus dem Jiddischen und steht für Ärger, Gezänk und Wirwarr. In der Pfalz, der Heimat von Drangsal, wird Zores auch stellvertretend für die Gruppe von Menschen verwendet, bei der deine Eltern hoffen, dass du dich niemals mit ihr abgeben wirst. Allein schon die Betitelung des zweiten Albums verweist auf die Thematiken, die Drangsal-Frontman Max Gruber umhertreiben: Auf Zores geht es um die gesellschaftliche Konstruiertheit und innere Zerrissenheit.

Doch anders, als man es vom Titel erwarten würde, wirkt das Soundgebilde auf Zores beim ersten Hinhören eher lieblich und harmlos. So läutet Gruber, der in der Vergangenheit mit seinem Wesen gerne Mal für Kontroversen gesorgt hat, Zores mit den Worten ein: „Schaut mich an ich werde älter. Schaut mich an ich bin allein.“ Der zärtliche Gesang setzt sich fort und es hat den Anschein, als ob Drangsal mit dem Dasein als enfant terrible abgeschlossen hat. Doch der Eindruck währt nicht lang, denn schon nach der ersten Minute wird man wie durch einen Donner aus dieser Harmonie herausgerissen.

Im Gegensatz zum Vorgänger Harieschaim wurde auf dem zweiten Album ganz auf den Einsatz von Halleffekten verzichtet. Dadurch wird Grubers Stimme in den Vordergrund gedrängt und gewinnt an Eindringlichkeit. Als ob das nicht genügend Veränderungen für eine Platte wären, sind die Songs auf Zores bis auf einige Ausnahmen (Arche Gruber, All The Poor Ships At Sea, ACME) deutschsprachig. Wie Drangsal in einem Interview erzählte, habe sich für ihn der englische Wortschatz durch das jahrelange Texten ausgeschöpft, weshalb es an der Zeit gewesen sei, sich endlich an die Muttersprache heranzuwagen.

Die starken Einflüsse der 80er Jahre auf die Soundästhetik des zweiten Albums sind nicht zu verkennen. Doch anders als auf dem Debüt, welches durch Anleihen aus dem New-Wave-Pop dominiert wurde, überzeugt Zores durch eine Pop-Sensibilität, die geradezu beschwingt daherkommt. Das neue Lebensgefühl, welches die Songstrukturen vermitteln wollen, werden mit der distanzierten und abgeklärten Haltung Grubers auf der textlichen Ebene verknüpft. Besonders deutlich wird das in der Singleauskoppelung Turmbau zu Babel. „Es geht mir gut, denn ich weiß hier gibt es nichts mehr zu verlieren, nichts mehr vom Wert in meinem Besitz.“ Zuletzt sträubt sich Drangsal gegen die gesellschaftliche Angepasstheit: „Mir geht es blendend, hab kapiert: Es ist egal, was noch passiert. Fasst euch den Mut, denn ab heut‘ wird für niemanden pariert“.

Pop ist für Gruber bunt, groß und übertrieben und das spiegeln auch die Songs auf Zores wider. Es ist ein Album der Gegensätze, ein Wechselspiel zwischen gesellschaftlichem Widerstand und jugendlichem Hedonismus, welches an der einen oder anderen Stelle durch textliche Raffinesse punktet, gleichzeitig aber überzeichnet wirkt. Ist dieses Album nun großartiger Kitsch oder vollkommen neben der Spur? Eines ist auf jeden Fall sicher: Zores bewegt sich auf einem schmalen Grat und ist schlussendlich doch wieder der Beweis für die Rebellion, die in Max Gruber steckt.