Musik | Hörtest

Deafheaven - Ordinary Corrupt Human Love
Deafheaven - Ordinary Corrupt Human Love

Deafheaven – Ordinary Corrupt Human Love

9. Juli 2018
von Pierre Rosinsky

So paradox es sich auch anhören mag, aber: Deafheaven haben mit Ordinary Corrupt Human Love wahrscheinlich die passende Platte für den Sommer veröffentlicht. Ein bisschen widersinnig ist das im ersten Moment deshalb, weil die fünf-köpfige Band aus Kalifornien einen Mix aus Black Metal, Shoegaze und Post-Metal spielt – und gerade ersteres Genre nicht unbedingt für seine positive Grundstimmung bekannt ist. Deafheaven waren allerdings schon immer verkappte Melancholiker und auf Ordinary Corrupt Human Love erhält diese Melancholie einen positiven Spin.

Mit ihrer zweiten LP Sunbather legten Deafheaven 2013 ein Album vor, von dem man retrospektiv behaupten darf, dass es eine Zäsur darstellt. Wie selbstverständlich schaffte es diese Platte, die manchmal doch sehr auf Tradition ausgelegte Metal-Szene für die Indie-Community zu öffnen. Plötzlich berichteten nicht nur Musik-Magazine wie Pitchfork, Spex und Co. über diese Band, auch der Feuilleton entdeckte Deafheaven für sich. Schon damals fußte die Musik der Band nicht nur auf den für das Blackgaze-Genre typischen Elementen, wie extremen Lautstärke-und Tempowechseln, Reverb-und Delay-getränkten Gitarren oder monumentalen Songstrukturen, sondern bediente sich aller möglichen weiteren Einflüsse, darunter auch Noise, Post-Rock oder Screamo. Diese Flexibilität und Bereitschaft, das eigene Sound-Repertoire stetig zu erweitern, findet sich auch auf dem vierten Longplayer Ordinary Corrupt Human Love wieder.

Auf früheren Alben hat sich das besonders in den geschickt gesetzten Interludes gezeigt, die aus kleinen, meist rein instrumentellen Versatzstücken bestanden und einen Kontrast zu den monumentalen Songs bildeten. Diese Interludes wurden auf Ordinary Corrupt Human Love zu „vollen“ Songs ausgearbeitet, die auch für sich selbst stehen können und zudem mit cleanem Gesang überraschen. Das melancholische Near wäre da beispielhaft, eine verträumte Ballade zwischen Shoegaze und Neo-Folk. Der Song untermauert die Tatsache, dass Deafheaven auch einfach sehr talentierte Musiker beherbergen, die das Spiel mit den stillen Momenten nicht nur als Mittel zum Zweck sehen. You Without End führt wiederrum mit jazziger Instrumentierung und Klavier in die Platte, begleitet von George Clarkes keifendem Gesang. Was zuerst unverträglich anmutet, wächst mit einigen Durchläufen zu einem spannenden Gebilde verschiedener Stilrichtungen.

Und auch die zentralen, härteren Stücke sind vermehrt mit ruhigeren Passagen versehen. Glint braucht lange Zeit und baut mit Post-Rockigen Gitarren ein melancholisches Gerüst, bevor dieses erbarmungslos und unmittelbar von einem Black-Metal-Gewitter eingerissen wird, Blast-Beats und gutturaler Gesang inklusive. Und Canary Yellow darf sicherlich als eine Art düstere Verlautbarung an die Liebe verstanden werden, wenn Clarke dem Backgroundchor („On and on and on we choke on“) ein saftiges „My lover’s blood“ entgegenschreit.

So klingt wohl Liebe 2018 à la Deafheaven. Die Band schafft einmal mehr etwas Besonderes, indem sie noch mehr Melodien und Ideen in ihren Sound integriert. Kompositorisch gesehen dürfte Ordinary Corrupt Human Love ihr bestes Album sein. Stimmungstechnisch entfernt sich die Band etwas von der düsteren Melancholie früherer Platten; dank softerer Arrangements wirken die Songs zwar weiterhin melancholisch, aber zeigen eine weitaus positivere Aussicht auf. In diesem Sinne ist die Musik Deafheavens wohl so etwas wie der Sonnenstrahl, der durch die trüben Nebelschwaden des Black-Metals scheint.