Musik | Hörtest

Christine and the Queens - Chris
Christine and the Queens - Chris

Christine and the Queens – Chris

24. September 2018
von Isabela Przywara

2016 veröffentlichte die Französin Héloise Letissiert aka Christine and the Queens mit Christine and the Queens ihr Debütalbum. Mit einem Sound irgendwo zwischen verträumter Sonntagsmusik und sommerlicher Melancholie schaffte die damals 28-Jährige einen rapiden Aufstieg in den Indie-Olymp. Ihr Auftreten erschien da noch recht reserviert und schüchtern, irgendwie passend zu dem  doch so unscheinbaren Sound ihres ersten Albums.

Zwei Jahre später bricht Letissiert mit diesem Bild. Auf ihrem nun zweiten Longplayer Chris präsentiert sie sich als androgyne Persönlichkeit. Allein schon der Blick auf das Cover reicht, um die Entwicklung der letzten Jahre wahrzunehmen: mit raspelkurzen, zurückgegelten Haaren erscheint sie nun markanter und selbstbewusster und erschafft sich mit Chris ein männliches Alter Ego. Auch in dem Musikvideo zur Single 5 Dollars setzt sie das Wechselspiel zwischen männlicher und weiblicher Identität gekonnt um und bricht mit der heteronormativen Auffassung über Geschlechtsidentität. 

Die Offenheit der Sängerin überträgt sich auch auf die Soundstrukturen ihrer zweiten LP. So trumpfen elektronische Synthesizer-Klänge neben funkigen Arrangements und Anleihen aus Disco, Pop und R&B, und kreieren eine Hommage an den Elektropop-Sound der 80er Jahre. Besonders Tracks wie Feel so Good, Damn (what must a woman do) oder Comme Si erinnern aufgrund ihrer Beschwingtheit und der eingängigen Rythmik an Pop-Ikonen wie Michael Jackson oder Madonna. What’s-her-face ist der melancholischste Song des Albums und zeichnet sich durch ein minimalistisches Soundgerüst aus, welches viel Platz für Letissierts elegischen Gesang bietet. Make some sense klingt wiederum wie einer dieser vor Romantik triefenden Songs, der wohl das meiste Ohrwurm-Potenzial auf dem Album hat. 

Insgesamt besteht der Longplayer aus 23 Songs, die aufgrund der englischen oder französischen Titelgebung in zwei Hälften unterteilt sind. So spielt Letissiert auf der ersten Albumhälfte, die aus den englischen Titeln besteht, mit der Symbiose aus englischen und französischen Lyrics und setzt den plötzlichen Sprachwechsel durchgängig als Stilmittel ein. Dieser erscheint im ersten Moment etwas ungewohnt, doch schon nach den ersten Tracks bildet die Verschmelzung beider Sprachen ein harmonisches Bild. Die zweite Albumhälfte beinhaltet die französischen Titel, die im Hinblick auf ihre Soundstrukturen den Songs der ersten Albumhälfte ähneln und lediglich eine Übersetzung in die Muttersprache der Sängerin sind. 

Auf Chris kreiert Christine and the Queens durch die vielen individuellen Kniffe einen experimentellen Sound, der dennoch mitreißend genug klingt, um sich auch im kommerziellen Radio zu bewähren. Durch das Wechselspiel zwischen Englischem und Französischem erhält der funkige Elektropop-Sound an sinnlicher Tiefe. Chris ist ein vielseitiges Album, welches durchweg zum Tanzen animiert.