Musik | Hörtest

Blood Orange
Blood Orange

Blood Orange – Negro Swan

27. August 2018
von Pierre Rosinsky

Wer Devonté Hynes aka Blood Orange kennt, erwartet inzwischen bestimmte Merkmale, die ein neues Album des Ein-Mann-Projekts zieren: zum einen wäre da die Stadt New York, die sich auditiv in Samples äußert und eine große Rolle in den Musikvideos des Briten spielt. Zum anderen setzte Hynes spätestens seit dem großartigen Freetown Sound aus dem Jahre 2016 auf kulturell-politische Themen, die sich vor allem mit Black Culture, Queerness und Feminismus beschäftigen. Vor zwei Jahren geschah das noch aus der Perspektive eines Menschen, der versuchte, gegen all die aufkommenden, schlechten Nachrichten anzukämpfen, wenngleich die Zukunft hoffnungslos erschien.

Negro Swan setzt thematisch daran an. Hynes betont allerdings, dass es vor allem das unterliegende Gefühl der Hoffnung sei, welches das Album dieses Mal zusammenhalte, wie consequence of sound berichtet. Auch musikalisch äußert sich das in einer gewissen Diskretion, die sich vom gezielten Kitsch und gekonnten Pathos von  Freetown Sound absetzt. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch Negro Swan voll ist von Referenzen, Genreüberschreitungen und Ideen. Blood Orange packt einmal mehr so viele Einflüsse in ein Album, dass es zuerst überwältigen mag.

Die Mischung aus R&B, Hip Hop, Funk und Pop, die Blood Orange spielte, war schon immer stark geprägt vom musikalischen Geist seiner Zeit und auch auf dem neuen Album ist das nicht anders. Einen starken Einfluss dürfte Frank Oceans Blond auf Negro Swan haben; minimalistischer Neo-R&B, sowie stark fragmentierte bzw. zerrissene Songstrukturen sind die Merkmale, die immer wieder auftauchen und am stärksten an Ocean erinnern. Paradebeispiel dafür ist der Song Jewelry, ein „3-in-1“-Song, der mehrmals von neuem ansetzt und das Gefühl gibt, hier mehrere Songs in einem zu hören.  

Tracks wie Minetta Creek sind wunderbare Interludes, wobei die Grenzen zwischen vollwertigen Songs und Interludes auf Negro Swan eben sehr verschwommen sind. Immer wieder werden Teile eines Interviews, das Hynes mit Janet Mock geführt hat, an das Ende von Songs (Orlando, Dagenham Dream) gesetzt. Diese Samples dienen als Übergänge und Narrativ für das Album, das dadurch sehr organisch wirkt. Hilfreich ist dabei auch, dass Blood Orange einmal mehr ein Händchen für Hits hat; Charcoal Baby und Nappy Wonder seien da stellvertretend genannt, negativ fällt kein Song raus. 

Ganz im Gegenteil hätten manche Songs, wie z.B. Out Of Your League oder Minetta Creek sogar gerne länger sein können, da sie sehr skizzenhaft und unfertig wirken. Vielleicht liegt aber auch darin die Stärke von Negro Swan: Das Fragmentarische immer wieder konsequent auszuführen, um einen Einblick in alle Perspektiven zu ermöglichen, die es gibt. Was sich dann zuerst überwältigend anfühlt, fügt sich schließlich zu einem farbenreichen Mosaik zusammen, das sich genau in die Schnittstelle zwischen Eingängigkeit und Komplexität setzt.