Musik | Hörtest

Big Red Machine
Big Red Machine

Big Red Machine – Big Red Machine

10. September 2018
von René Kettermann

Als Bon-Iver-Mastermind Justin Vernon und The-National-Gitarrist Aaron Dessner vor gut zehn Jahren den Song Big Red Machine aufnahmen, lag das eigentliche Ziel eines kompletten Albums wahrscheinlich noch in weiter Ferne. So richtig Fahrt nahm die Idee wohl im Jahr 2016 auf, als Vernon, Dessner und Co. das damals noch namenlose Projekt „PEOPLE“ in die Welt setzten. Eine Woche lang musizierten und experimentierten dort Bon Iver, Kings of Conveniences Erlend Øye, Woodkid, Boys Noize und viele weitere Künstler*innen in einem Hotel, um am Ende ein komplettes Festival im historischen Berliner Funkhaus auf die Beine zu stellen.

2018 sollte es dann nochmal einen Schritt weiter gehen, denn das Kollektiv aus mehr als hundert Musiker gründete die gleichnamige Streamingplattform, auf der Musiker seitdem ihre Demos, Mixtapes oder auch ganze Alben unabhängig anbieten können: „We are a steadily growing group of artists, freely creating and sharing our work with each other and everyone. We call it PEOPLE.“ Erstes Ergebnis des Ganzen ist unter anderem nun das Projekt Big Red Machine mit dem gleichnamigen Album. Ganz nach dem Motto von PEOPLE, der Musik einen freien, spontanen und expressiven Raum zu bieten, strotzt das Album nur so vor Abwechslung und Experimentierfreude.

Was auf den ersten oder zweiten Blick erstmal nach Überforderung klingt, holt einen dann aber spätestens beim dritten Reinhören komplett ab. Mit einem mehrschichtigen Mix aus elektronischen Elementen, schnellen Beats und dem typischen Bon-Iver-Folk entsteht ein wohl durchdachter Ritt durch verschiedene Genreeinflüsse; von Gospel in Hymnostic bis Hiphop in Lyla. Die Songs wie Gratitute folgen dabei oftmals einer Art Steigungskurve, in denen komplexe Beats und Aaron Dessners Gitarrenkünste die Grundlage bieten. Dass einige der Songs über fünf Minuten lang sind, wirkt dabei erst mal sperrig, bietet dem Ganzen aber genug Raum, um sich durch hallig-elektronische Streicher und Klaviereinlagen wirklich zu entfalten. Mit I Won’t Run From It bietet das Album am Ende dann nochmal einen Song, der eher an alte Zeiten der beiden Musiker erinnert

Big Red Machine klingt wie eine passende Fortsetzung zu Bon Ivers 22, A Million, welches 2016 passenderweise am Wochenende des PEOPLE-Festivals erschien und dort seinen ersten Liveauftritt feiern durfte. Auch auf Big Red Machine ist der Autotune bei Justin Vernons Gesang wieder fester Bestandteil und ist inzwischen, wie schon bei Forest Green, neben kratzigen Beats und Störeffekten ein eigenes Stilmittel im Vernon-Universum. Big Red Machine wirken zu Beginn etwas ziel- und zusammenhanglos. Es braucht Geduld und ein offenes Ohr, um sich auf die Stimmung des Albums einzulassen, doch wenn der Tripcharakter erst mal andockt, bietet das als Sideprojekt gestaltete Album viel Platz für neue, musikalische Erfahrungen.