Sendungen | Extralarge

Audio88 & Yassin über Gewalt, innere Ruhe und künstlerische Freiheit

31. Oktober 2016

von Leonard Putz 

 

Gerade haben Audio88 und Yassin ihre Halleluja-Tour beendet, in 2017 geht es auf Zusatztour. Extralarge-Reporter Lenny hat die beiden in Essen getroffen.


Für Normaler Samt habt ihr ca. fünf Jahre gebraucht, dann kam nach nur einem Jahr Halleluja. Warum ging das plötzlich so fix?

 

Yassin: Wir waren irgendwie drin. Zum Einen war es ein Befreiungsschlag Normaler Samt draußen zu haben und mal wieder etwas fertiggestellt zu haben. Zum anderen war es so, dass wir von dem positiven Feedback gepusht wurden, und  gemerkt haben: Es ist an der Zeit, sich wieder reinzustürzen. Die meisten Themen die wir auf Halleluja haben, ob persönlich oder gesellschaftlich, brannten uns auch einfach auf der Seele. Deswegen sind wir wahrscheinlich auch zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen.

 

Durch den Erfolg von Normaler Samt ist eure Zuhörerschaft stark gewachsen. Hat das was am Schreibprozess geändert?

 

Audio88: Worauf wir schon mehr geachtet haben, ist dass die Songs livetauglicher sind. Dadurch dass wir viel auf Touren und Festivals spielen, haben wir schon bei der letzten Tour gemerkt welche Songs live funktionieren und welche nicht. Man muss natürlich auch nicht jedes Lied live spielen, manche Lieder sind auch einfach nur auf Platte cool.

 

Ihr habt von beiden Platten im Nachhinein gesagt, dass ihr mit ihnen zufrieden wart. Habt ihr bzgl. Musik schon Entscheidungen getroffen, mit denen ihr unzufrieden wart oder die ihr sogar bereut?

 

Audio88: Also zu dem Zeitpunkt an dem etwas rauskam, waren wir eigentlich immer zufrieden. Aber die eigenen Maßstäbe ändern sich einfach. Man wird besser und hat andere Ansprüche an das, was man macht. Aber wir haben nie ein Lied gemacht, für das wir uns heute schämen.

Yassin: Hundertprozentige Zufriedenheit hat man ja eh nie. Hätte man unendlich viel Zeit um jeden Song noch tausendmal zu überarbeiten, dann würde man das bestimmt auch machen. Glücklicherweise muss man aber irgendwann sagen: Jetzt ist es gut und genau so sollen das die Leute auch hören. Aber es ist doch normal, dass man teilweise nach zwei Wochen, teilweise nach ’nem Jahr irgendwas findet, was man dann vielleicht nicht mehr so gemacht hätte.

 

Wenn man Halleluja hört, könnte man den Eindruck bekommen, dass ihr euch im Alltag ständig mit nervigen Mitmenschen und ihren Angewohnheiten rumplagen müsst. Wann findet ihr mal eure innere Ruhe? Habt ihr überhaupt eine?

 

Audio88 (lacht): Ich glaube, so am entspanntesten ist der Moment, wenn man einen Song fertig gemacht hat. Generell der Moment, in dem man merkt, dass aus dieser inneren Unruhe etwas Produktives resultiert. Wenn man dann den ganzen Ballast und Druck abgelassen hat, dann ist das schon ein Stück weit Katharsis.

Yassin: Musik zu machen ist eh das schönste am Musiker-Sein. Alles was danach kommt ist extrem viel Arbeit und da entsteht natürlich auch viel Stress. Gerade wenn man nach einem Release lange Phasen hat und vielleicht noch ein eigenes Label hat, dann hat man schon viel Kram, der nicht wirklich was mit kreativem Schaffen zu tun hat. Da ist es sehr erfrischend wenn man dann wieder im Studio ist und tatsächlich Musik macht und merkt: Das verschafft einem eine innere Zufriedenheit, die einem in der Form nichts anderes bringt.

Audio88: Und genauso der Moment, wenn man nach dem Konzert von der Bühne kommt. Das ist glaub ich sogar noch befriedigender.

 

Fällt unter diese Begleiterscheinungen auch der ganze Promo-Kram drum herum? Ihr habt ja zum Beispiel diese aufwändigen Religionsbilder produziert.

 

Yassin: Naja, das ist schon eher cool. Gerade wenn es visuell wird, macht es schon Spaß. Außerdem gehört das für uns einfach zum Gesamtkonzept dazu. Musikvideos waren uns zum Beispiel immer sehr wichtig. Auch Videos wie zu Asia Box oder Täter oder Opfer, die keine wirklichen Storylines haben, basieren auf bewussten Entscheidung. Eben für den Mangel einer Story oder für einen bestimmten Look. Das sind immer sehr bewusste Entscheidungen bei uns, und die machen Spaß. Wir gehen auch gerne Risiken ein, wie bei Gnade oder Halleluja. Da musste sehr viel stimmen, damit das Ergebnis cool wird. Und wenn das klappt, ist man natürlich extrem glücklich. Nervig sind eher die operativen Sachen, Büroarbeit und so. Du stellst dir morgens den Wecker weil du weißt, dass du bis 9 Uhr ’ne Mail verschicken musst. Und dann guckt man irgendwann auf die Uhr und es ist 19 Uhr und man hat nichts anderes gemacht als Mails zu schreiben, Kram zu googlen oder zu telefonieren. Das sind so Tage die einen schon nerven.

 

Mittlerweile seid ihr ja auch Vollzeit-Musiker.

 

Yassin: Ja und da ist es eben auch ein Job. Natürlich immer noch ein viel besserer als wenn wir das für jemand anderen machen würden – aber es bleibt halt Arbeit.

 

Auf Halleluja habt ihr euch politisch klar positioniert. Ist das für euch ein Muss in der aktuellen politischen Situation bzw. würdet ihr sogar Rapper kritisieren, die das nicht tun?

 

Audio88: Es passt ja gar nicht zu jedermanns Musik. Wenn jemand bisher nur Alben übers Kiffen, Partymachen oder Mode gemacht hat, dann hat das auch einen Grund. Weil diese Person sowas im Kopf hat. Bei manch einem ist es vielleicht auch einfach besser wenn man zu manchen Dingen nichts sagt. Weil dabei sonst auch einfach nur Scheiße raus kommt.

Yassin: Man sollte sich aber als Musiker schon bewusst sein, dass es vielleicht nicht zwingend eine Verantwortung ist, aber eben ein Privileg, das nicht jeder hat. Das heißt nicht, dass man verantwortungslos ist, wenn man es nicht tut. Aber wenn man weiß, dass es eine garantierte Zuhörerschaft gibt und darunter Menschen sind, denen das vielleicht einen Anstoß gibt, etwas zu tun oder anders zu denken, dann sollte man gut überlegen, ob man dieses Privileg nutzt.

 

Kann man heute einem Hip-Hop – Publikum in Deutschland noch eine gewisse politisch linke Grundeinstellung unterstellen?

Audio88: Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen wissen natürlich schon, wie wir denken. Ich weiß nicht, ob es andere Rapper gibt, bei deren Konzerten „Nazis Raus“ – Sprechköre ausgebuht werden. Bei uns auf jeden Fall nicht.

Yassin: Ich glaube, so ein Genre oder eine Kultur kann nicht immun gegen irgendwas sein. Wenn man sich als Jugendlicher für Rap begeistert, dann ist Hip-Hop ja erstmal frei von jeglichem Urteil über einzelne Menschen. Wenn, dann immer aus einer Fähigkeit heraus. Natürlich gibt es sowas wie Homophobie oder Sexismus in Rap-Texten, das ist aber nicht kulturell verankert. Es hat dann immer einen Hintergrund in einer bestimmten Praktik, die dem innewohnt. Im Reggae hingegen ist es allgemein bekannt, dass Homophobie da zum guten Ton gehört. Aber da ist es im gesellschaftlichen Kontext begründet, aus dem  Reggae entstanden ist. Und das ist eben bei Rap nicht so ausgeprägt. Das Publikum ist jetzt nicht explizit links, aber zumindest nicht politisch vorbelastet. Vielleicht hat Rap deswegen auch mehr Möglichkeiten, Themen anders aufzugreifen und zu behandeln als Popmusik oder Punkmusik. Im Punk ist ja sehr klar vorgegeben, in welche Richtung es geht. Und wenn man da ausbricht, ist es im schlimmsten Fall eben kein Punk mehr.

 

Der Track Schellen mag für viele wie ein Aufruf zur Gewalt klingen. Ist Gewalt für euch ein legitimes Mittel als Reaktion auf die aktuelle politische Situation?

 

Audio88: Auch wenn das vielleicht nicht das Schlauste ist, was ich sage, aber ich denke ein Stück weit ja. Wenn ein Nazi ein paar in die Fresse bekommt, finde ich das vollkommen okay.

Yassin: Dem Satz „Manchmal helfen Schellen“ geht ja auch der Satz „Willst du ihnen helfen, dann erinner‘ sie an ihre Worte“ voran. Der Song sagt ja vor allem, dass ein Handeln von rechter Seite nicht ohne Konsequenzen bleiben darf. Das fängt natürlich schon im Denken an. Die Gedankenwelt eines anderen zu beurteilen ist natürlich schon sehr anmaßend, aber es wird eben immer salonfähiger so eine Gedankenwelt auch zu äußern. Da ist „Manchmal helfen Schellen“ vielleicht ein bisschen plakativ aber schon ein sehr eindeutiger Aufruf dazu, Menschen mit ihrem Denken zu konfrontieren.

Audio88: Und sich dagegen zu stellen.

 

Ist Gewalt ein Thema, das für eine neue Platte in Frage käme? So wie es Religion für Halleluja war?

 

Yassin: Gewalt war für uns eigentlich schon immer ein Motiv, das wir in den Texten hatten. Egal ob es jetzt von einem selber ausgeht oder einem zugefügt wird. Aber Gewalt ist eh schwer auszublenden. Selbst wenn man nur über Geld spricht kommt man früher oder später zu Gewalt. Oder auch bei Liebe. Ob es jetzt psychische Gewalt ist oder physische. Generell ist Gewalt ein Motiv, dem man sich nicht entziehen kann wenn man halbwegs Substanz in seinen Texten haben möchte. Früher oder später wird man eh drauf stoßen. Es dreht sich alles um Gewalt oder Sex. (beide müssen laut lachen)

 

Ihr habt im Zusammenhang mit K.R.A.U.M.H. mal gesagt, dass man eigentlich nur dann Kunst machen kann, wenn man etwas Kohle in die Hand nimmt. Seht ihr darin ein ernsthaftes Problem, dass man nur künstlerisch aktiv werden kann, wenn man das nötige Eigenkapital hat?

 

Yassin: Ja. Der Grundgedanke der dem bedingungslosen Grundeinkommen vorangeht, stammt ja aus dem Glauben daran, dass der Mensch in einer funktionierenden Gesellschaft dazu in der Lage sein sollte sich frei zu entfalten. Dazu gehört natürlich auch, seiner Kreativität den Raum zu geben, den sie braucht. Und neben dem Raum vor allem auch die Mittel – sei es ’ne Leinwand und ein paar Pinsel. Und sobald man etwas so ernst nimmt, dass man darauf mehr als dreißig Prozent seiner Lebenszeit verwendet, führt das zwangsweise zu einem existenziellen Problem. Wenn man nicht wohlhabend zur Welt kam, ist man immer gezwungen, in anderen Dingen Energie einzusparen. Diese Bereiche sind aber eben die, die dir ein Dach über dem Kopf geben, die dir was zu Essen bescheren, die deine Kinder versorgen. Also wenn mir als Alleinerziehender, 45-jähriger Familienvater mit drei Kindern der Gedanke käme: Ich möchte jetzt eigentlich voll gerne Musik machen, weil es das ist was ich mein Leben lang machen wollte, frag ich mich: Wie soll das möglich sein? Wie und wann soll ich ein Instrument lernen? Da könnte in einer optimalen Gesellschaft der Staat zumindest ansatzweise die Möglichkeit schaffen, das an anderer Stelle wieder kompensieren zu können. Und das ist im Moment absolut nicht der Fall. An welchem Punkt wird einem Kind, wenn es nicht gerade überbegabt ist oder ein Stipendium bekommt, gesagt: Hey, dir macht Musik machen richtig viel Spaß, egal ob du gut darin bist oder nicht – mach das doch einfach erstmal, guck ob du damit Geld verdienen kannst. Es ist immer noch ein extrem hohes Risiko zu sagen: Ich werde Berufsmusiker oder Maler oder Bildhauer. Damit ist immer verbunden, dass du Abstriche machen musst.

Audio88: Auch fernab von Kunst – sich generell selbst zu verwirklichen. Wenn man wie wir den Schritt geht, selbstständig zu sein, wird einem das nicht leicht gemacht. Und den bezahlten Vollzeitjob zu kündigen, der dich sozial absichert, erfordert schon Mut. Es ist jetzt nicht so als würde da das Finanzamt sagen: Geil, mach mal. Und wenn du mal Probleme hast, deine Steuern zu zahlen, dann machen wir ne Ratenzahlung. Das passiert einfach nicht. Und deswegen muss man sich das einfach sehr gut überlegen. Wir machen ja auch schon sehr lange Musik und es hat ewig gedauert, bis wir uns es überhaupt irgendwie erlauben konnten, diesen Schritt zu wagen und zu sagen: Wir leben jetzt davon. Ich könnte mir vorstellen dass es bestimmt Probleme nicht gäbe, wenn Leute schon in der Kindheit anders an dieses kapitalistische System herangetragen würden

Yassin: Allein die Tatsache, dass man Kindern diese Option immer so als Traum verkauft. Allein das Wort impliziert ja schon, dass es nicht wahr werden kann. Wer weiß, wie viele Talente, die der ganzen Gesellschaft zu Gute kommen würden, nie entdeckt werden oder verloren gehen, weil Menschen dem Broterwerb nachgehen müssen. Ich finde das ist einfach kein Optimalzustand. Im Gegenteil – das ist Kapitalismus.

 

Audio, du hast mal ’ne Zeit lang bei Facebook deine Platten des Tages gekürt. Was wäre deine Platte des Jahres 2016?

 

Audio88: Im internationalen Raum auf jeden Fall das neue Aesop Rock – Album. Und im deutschsprachigen Raum das T9-Album R.I.F.F.A. Die Platte find ich sogar noch ein bisschen besser als die erste. Da sind sehr überraschende Beats drauf. Torky hat da sehr tief gediggt und hat da ein paar krasse Überraschungen ausgepackt.

Yassin: Ich bin nicht ganz sicher. Das neue Kendrick Lamar – Album habe ich sehr viel gehört, das fand ich sehr gut. Ich hab aber auch einfach super oft unsere Platte gehört. Und R.I.F.F.A. ist natürlich großartig, das stimmt.

Audio88: Letztes Jahr kamen irgendwie mehr gute Platten raus als dieses Jahr, da fiel das  leichter.

Yassin: Nächstes Jahr wird’s wieder einfacher. Da bringen ein paar Freunde von uns gute Platten raus.

 

Wie steht ihr zum aktuellen Vinyl-Hype?

 

Audio88: Generell finde ich das gut. Also ich mag Vinyl wesentlich mehr als CD oder Streaming. Man hat ein schönes großes Artwork in der Hand und Vinyl klingt auch einfach besser. Aber das drum herum, naja. Was zum Beispiel aus dem Record-Store – Day geworden ist, ist schon teilweise ziemlich ekelhaft. Man braucht nicht unbedingt eine Justin Bieber Picture Disc 12Inch mit irgendwelchen Remixes die die Presswerke verstopfen. Wobei ohne diese Großaufträge von Universal und Sony wären wahrscheinlich zahlreiche Presswerke pleite. Jetzt sehen die großen Musikkonzerne halt: Vinyl lohnt sich wieder, da buttern wir jetzt richtig rein. Da sind wir dann wieder beim Kapitalismus.

 

Da endet ja bekanntlich alles. Vielen Dank fürs Interview!

 

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