Musik | Hörtest

Arctic Monkeys - Tranquility Base Hotel + Casino
Arctic Monkeys - Tranquility Base Hotel + Casino

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel + Casino

14. Mai 2018
von Louisa Heerde

Was ist los mit euch, Arctic Monkeys? Mit Öl in den Haaren und Goldkettchen um den Hals erinnert nichts mehr an die britischen Indie-Legenden der 2000er – eher an funktionierende Alkoholiker. Oder seid ihr einfach nur erwachsen geworden, und ich bin hier das Problem? Ich muss zugeben: Ein wenig wünsche ich mir die rauen Gitarrenriffs, hämmernden Drums und wütenden Lyrics von euren ersten Alben Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not (2006) und Favourite Worst Nightmare (2007) zurück. Ich muss dann immer an das Poster in meinem Kinderzimmer denken, auf dem ihr im Ruderboot auf einem nebeligen See so wunderbar unbeholfen und schüchtern die Paddel schwingt.

Versteht mich nicht falsch: Zwischen eurem Debütalbum und Tranquility Base Hotel & Casino liegen immerhin 12 Jahre. Es wäre wohl eher unangenehm, wenn ihr noch immer über erste Erfahrungen mit der Polizei, Discos und Mädels singen würdet. Ich bin schließlich nicht komplett der Nostalgie verfallen: Auch musikalische Veränderungen kann ich nachvollziehen und liebgewinnen. Die ruhige und dunkle Richtung, die ihr bereits auf AM (2013) eingeschlagen habt, gefällt mir sogar wirklich gut. Zwar fand ich es schon auf dem Vorgängeralbum schade, dass Frontsänger Alex Turner sich seinen Yorkshire-Akzent in den kalifornischen Tonstudios abgewöhnt hat, aber die Anspielungen auf klassischen Rock’n’Roll à la Elvis gefielen.

Auf Tranquility Base Hotel & Casino forciert ihr diesen Retro-Rock-Flair aber so sehr, dass selbst The BossHoss vor Neid erblassen würde. Das fängt schon im eröffnenden Star Treatment an: Das einleitende Klavier erinnert an eine traurig anmutende Hotellounge der 60er, Turners Gesang wird durch hallige Echos, die wohl den Klang alter Metall-Mikrofone imitieren sollen, nervig verzerrt. Selbstmitleidig säuselt er: “I just wanted to be one of The Strokes” und: “Maybe I was a little too wild in the 70s”. So sehr ich diese selbstreflektierenden Lyrics schätze: Ihr seid knapp über 30. Es ist noch nicht an der Zeit, mit einer Flasche edlem Brandy im Ledersessel zu sitzen, um über alte Zeiten zu lamentieren. In Songs wie Ultracheese habe ich aber das Gefühl, dass ihr euch voller Wehmut schon seelisch in das Altersstift versetzt: „Get freaked out from a knock at the door / When I haven’t been expecting one / Didn’t that used to be part of the fun? / Once upon a time“.

Manchmal funktioniert diese schwermütige „Elvis auf Baldrian“-Nummer aber auch ganz gut: Golden Trunks könnte der Soundtrack für ein Hollywood-Drama der goldenen Zeit sein, in der Netflix und YouTube noch nicht den Markt umgeschmissen haben. Auch der das Album betitelnde Song Tranquility Base Hotel & Casino tauscht den britischen Nebel von meinem Kinderzimmerposter gekonnt gegen Zigarettenqualm einer Bar im Las Vegas der 60er ein. Und die Songtexte überzeugen fast durchgehend: Turner zeigt sich als selbstkritischer Künstler, der mit Erfolgsdruck durch Fans und Kritiker zu kämpfen hat (Four Stars Out Of Five). Im Ohr bleibt das trotzdem nicht – wie im Übrigen kein Song des Albums. Mir reicht es mit eurer Nostalgie: Ich bleibe bei meiner, krame euer altes Poster wieder aus und fühle mich ein gutes Stück älter.